Das sechzigste Jahr der Deutschen Seewarte, 1934.
3
Die drei letztgenannten Veröffentlichungen weisen auf einen „Weg“ der Seewarte,
der große Bedeutung hat, nämlich auf die internationale Zusammenarbeit
der an der Naturerkundung des Seeraumes beteiligten Kulturvölker! Ohne
diese ist das Beobachten und Messen des Einzel-Volkes für die sofortige Anwendung
zwecklos: zu eng ist geophysikalisches Geschehen in Raum und Zeit
miteinander verknüpft, als daß nicht jede Nation zumal für die unmittelbare
Praxis von den großen Vorteilen Gebrauch machen muß, die das einstweilen
immer noch wichtigste prognostische Hilfsmittel, die laufende räumliche
„Syn-Opsis“ [d. i. die „z usammenschauende“ Erfassung des Werdens und Seins
eines Zustandes mittels der Karte] bietet zur Erkenntnis des künftigen zeitlichen
Verlaufes der Vorgänge im Welt-und Luftmeer. Der Regelung der notwendigen
betreffenden Gemeinschafts-Arbeit aller Staaten dienen die periodischen
Fach-Tagungen und die zahlreichen internationalen Fach-„Organisationen“,
„Komitees“, „Kommissionen“ usw., innerhalb deren die Seewarte seit ihrem Bestehen
für unser Volk und für die Kulturmenschheit tätig gewesen ist [vgl. S. 9f],
Unter diesem Gesichtspunkt ist auch die folgende Übersicht über Forschungs-Unternehmungen,
-expeditionen und -fahrten zu betrachten, an denen Angehörige
des Institutes teilnahmen und so Gelegenheit erhielten, mit ausländischen
Fachgenossen zusammenzukommen, um gebend und nehmend die Forschung
und die Anwendung ihrer Ergebnisse zu fördern:
I. Internationales Polarjahr 1882/83 — Deutsche Tiefsee-Expedition auf der „Valdivia“ 1898/99
- - Forschungsreise S. M. iS. „Planet“ 1906/07 — Deutsche Antarktische Expedition auf der,,Deutschland“
1911/12 — Deutsche Atlantische Expedition auf dem Vermessungs- und Forschungsschiff
„Meteor“ 1925/27 — Deutsche Grönland-Expedition Alfred Wegener 1929 und 1930/31 — II. Internationale»
Polarjahr 1932/33 — 19 aerologische Forschung»- und Eimveisungsfahrten über den
Atlantischen Ozean für die Zwecke des Welt-Luftverkehrs [1922—1934J auf insgesamt 24 Schiffen der
Deutschen Handelsmarine [12 Hamburg-Amerika L„ 6 Norcid, Lloyd, 3 Afrikadienst, 2 Hamburg-Süd,
1 Woermann L.] — 3 aerologische Forschungsunternehmungen nach Island [1926—28] zur Erkundung
des „Nördlichen Flugweges“, deren eine auf dem Vermessungsschiff „Meteor“ der Kriegsmarine
— Weltfahrt des Luftschiffs „Graf Zeppelin“ 1929 — 40 meereskundliche Untersuchungsfahrten
[1920—34, größtenteils in Zusammenarbeit mit der Deutschen Wissenschaftlichen Kommission
für Meeresforschung und ira Rahmen des Internationalen Rats für Meeresforschung] auf dem Reichs-Forschungsdampfer
„Poseidon“ des R’Ministeriums für Ernährung und Landwirtschaft, den Vermessungsschiffen
„Meteor“ und „Panther“ der Kriegsmarine, den Dampfern „Hansa“ und Westfalia“
der Deutschen Handelsmarine [Hamburg-Amerika Linie], dem Schwedischen Forschungsschiff
..skagerak“ und dem Finnländischen Forschungsschiff „Nautilus“ — Daß die 4 deutschen
Kolonial-Meteorologen Angehörige der Seewarte gewesen sind und daß ein besonderes Sachgebiet
unserer Anstalt die Verbindung mit den Übersee-Mitarbeitern wieder aufgenommen hat zur
Förderung der internationalen Wissenschaft, ist in dem hier erörterten Zusammenhang ebenfalls
beachtlich. —
Wenn in den Jahresberichten der Seewarte neben den deutschen Besuchern
des Institutes die Ausländer hervorgehoben werden, so ist das, wie aus dem
Vorstehenden geschlossen werden kann, in dem Wesen der Anstalt begründet:
„Mein Feld ist die Welt!“ — dieser Leitspruch der Hamburg-Amerika Linie
könnte auch über dem Portal der Deutschen Seewarte stehen!
Ein weiteres hinsichtlich der Aufgaben der Seewarte ungemein wichtiges
Band zwischen dem Deutschen Reich und dem Ausland bildet der internationale
Schriften-Austauschverkehr: zur Zeit ist er für alle Völker besonders bedeutsam
im Hinblick auf die weltgeldliche Schwierigkeit des käuflichen Erwerbes ausländischer
Fach-Zeitschriften, -atlanten, -jahrbücher und -werke. Welchen Stand
dieser Verkehr der Seewarte Anfang 1935 erreicht hat, wird S. 8 dargelegt.
Die Tore Deutschlands zur Außenwelt sind vor allem die drei Hansestädte
Hamburg, Bremen und Lübeck. Nicht des Reiches Hauptstadt, sondern
seine Welt-Hatenstadt Hamburg wurde seinerzeit als Sitz der Deutschen Seewarte
erwählt. Seit ihrer Gründung hat sie sich der Förderung durch die
Hansestädte erfreuen dürfen. Deren erste Senatskommissare für die Anstalt,
Dr G. H. Kirchenpauer (f 1887), Dr H. H. Meier (f 1889) und Dr Ph. W. Plessing
{f 1879), leiteten die Beziehungen ein. In Hamburg im besonderen weisen auch
gewisse äußere Merkmale auf die Verbindung hin: die Namen der „Seewarten-“,
der „Neumayer-“ und der „Dove“-Straße [vgl. auch Abschnitt c, Seite 11],