Pettersson, O.:; Studien in der Geophysik und der kosmischen Physik. 217
Es gibt also gewisse Gebiete sowohl auf dem Sonnenäquator als in den
höheren Sonnenbreiten, die eine exzeptionelle Stellung einnehmen relativ zu dem
Mond und der Erde, welchen sie 24 bis 27 mal jährlich gegenüber zu stehen
kommen. Man muß mit der Möglichkeit rechnen, daß solche Gebiete auf der
Sonne eine Rolle spielen können in der Sonnenaktivität als Zentren, wovon sich
wellenartige Bewegungen in der Grenzschicht ausbreiten. Die Wirkung von
solchen Störungen muß wahrscheinlich eine heftige und vorübergehende sein
im Gegensatz zu denjenigen, welche von den Planeten herrühren und viel längere
Perioden haben. Denken wir uns anstatt des Systems Mond-Erde einen großen
Planeten mit einem Durchschnitt gleich der mittleren Halbachse der Mondbahn,
so würde derselbe ohne Zweifel relativ große Störungen auf der Sonne hervor-
bringen. Es ist aber nicht ohne weiteres sicher, daß solche Störungen den
Charakter von Sonnenflecken annehmen würden, Man kann von dem Stand-
punkt der hier vertretenen Arbeitshypothese auf die Existenz von solchen Akti-
vitätszentren auf der Sonnenoberfläche schließen. Es entsteht dann die Frage:
inwiefern diese Schlußfolgerung- durch die Beobachtungen bestätigt wird?
Ehe ich zur Diskussion dieser Frage gehe, muß ich an zwei charakteristische
Merkmale des Sonnenfleckenphänomens erinnern, nämlich:
Erstens: Daß dieses Phänomen einen symmetrischen Verlauf zeigt,
indem eine Anhäufung von Flecken in einer gewissen Breitenzone nördlich vom
Sonnenäquator in der Regel von ähnlichen Anhäufungen in korrespondierender
Breite auf der südlichen Sonnenhemisphäre begleitet wird!). Es bedeutet dies
wahrscheinlich, daß es eine wesentliche Bedingung für den Ausbruch von Sonnen-
flecken auf ‚einer gewissen Breite ist, daß die Periode der wirkenden Kraft mit
der Rotationszeit derjenigen Breitenzone, in der die Flecken entstehen, überein-
stimmt. Die Flecken entstehen im allgemeinen in den 30°-Breiten. Die einzige
kosmische Periode, welche mit der Rotationszeit dieser Zone harmoniert, ist die
des synodischen Mondes = 29.53 Tage, welche mit der Rotationsperiode der
Sonnenoberfläche in 271/,° südlich und nördlich übereinstimmt. Zwar ist in
dieser Abhandlung nicht die Rede von den physischen Ursachen der Sonnen-
aktivität, aber der Einfluß von Gravitationsstörungen auf der Sonnenoberfläche
von dem Mond und der Erde können nicht von der Betrachtung ausgeschlossen
werden, weil sie die einzigen sind, welche auf dem jetzigen Standpunkt unseres
Wissens quantitativ diskutabel sind. Veränderungen in den Positionen der ge-
nannten Himmelskörper müssen Schwankungen ‚von entsprechender Periodizität
in ihrer Gezeitenkraft auf der Sonne hervorrufen, wenn der absolute Betrag der
Schwankung auch gering erscheint. (Die Differenz zwischen: der Kraft der Kon-
stellation Neumond— Erde und Vollmond-— Erde beim Perihel ist von.der Di-
mension 10-1g.)
Zweitens hat das Sonnenfleckenphänomen einen bipolaren
Charakter. Die Bipolarität besteht darin, daß die Anhäufungen von Sonnen-
flecken an zwei diametral entgegengesetzten Meridianen der Sonnenoberfläche
erscheinen. Diese »Fleckzentren« bewegen sich mit einer größeren Geschwindig-
keit als die Flecken. Wolfer fand, daß während der drei Jahre 1887 bis 1889
die Flecken sowohl als die Fackelgruppen in überwiegender Anzahl auf zwei
begrenzten, einander gegenüberliegenden Gebieten lagen, die zwar in heliographischer
Länge eine beträchtliche Ausdehnung besaßen, aber durch zwei nur ganz schwach
besetzte Zwischenräume vollkommen scharf voneinander getrennt waren, Er be-
stimmte die Rotationszeit dieser Fleckenzentren im Mittel zu 25.00 Tagen
(siderisch) = 26.85 Tagen synodisch. Birkeland bestimmte dieselbe Rotations-
zeit durch eine kumulative Methode zu 25.148 Tagen (siderisch) oder 27.01 Tagen
synodisch. Er erklärt die Bipolarität der Sonnenflecken so: daß es im Sonnen-
körper selbst einen inneren soliden Nucleus gibt, welcher mit der genannten
Rotationszeit rotiert. Auf diesem inneren Kern sollen an symmetrisch belegenen
Orten auf der nördlichen und südlichen Sonnenhemisphäre gleichzeitig vulkanische
Ausbrüche stattfinden,
1) Siehe hierüber K, Birkeland: Les taches du soleil.‘ Videnskabs selskabets i Christiania
Skrifter. 1899 Nr. 1. S. 140.