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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 23 (1895)

128 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, April 1895, 
um so mehr Interesse verdienen, als sie sich gerade in der Regenzeit, die in diesem 
Jahre ungewöhnlich stark auftrat, ereigneten. 
Der Fluß Esmeraldas, der sich ungefähr in Süd—-Nordrichtung erstreckt 
und eine beträchtliche Länge hat, ist, wie bekannt, von Schiffen unbefahrbar und 
so seicht, dafs man von der Mündung aus mit einem Boot bei Niedrigwasser 
unmöglich das Dorf erreichen kann, ohne den Grund zu berühren. Sobald aber 
der Fluß die Küste erreicht hat, fällt sein bis dahin so seichtes Bett plötzlich 
steil ab, so dafs 3 bis 4 Kabllg. weiter auswärts sich schon eine Wassertiefe von 
51 bis 110 m (50 bis 60 Faden) befindet. Könnte man sich das Meer entfernt 
denken, so wäre ein grofsartiger Wasserfall vorhanden. Diese Einsenkung ist 
von der Flufsmündung an auf beiden Seiten von flachen Bänken begrenzt, weshalb 
es manchmal einem Schiffe schwer wird, den innerhalb des Bodenabsturzes und 
2 bis 3 Schiffslängen außerhalb der Küstenbank befindlichen Ankerplatz, mit 
Wassertiefen von 27 bis 46 m (15 bis 25 Faden), zu erreichen. Am leichtesten 
wird dieses ermöglicht, wenn man von West her in einem Abstande von ungefähr 
l bis 2 Sm und auf einer Wassertiefe von 9 bis 15 m (5 bis 8 Faden) der Küste 
ostwärts entlang segelt, bis man die tiefe Rinne, welche hier steil bis zu 91 m 
/50 Faden) abfällt, erreicht hat und dann einwärts nach Süd umbiegt, gerade 
gegen den stets auslaufenden Strom. Da sich nun in diesem häufig Wirbel 
bilden, so wird ein Schiff bei ungenügender Briese leicht steuerunfähig und 
wieder nach aufsen getrieben, wie es uns zweimal ergangen ist. Die Gefahren 
und Unannehmlichkeiten, denen die auf der Rhede von Esmeraldas ankernden 
Schiffe ausgesetzt sind, beschränken sich meistens auf die Regenzeit, wenn der 
Flufs, der fast den ganzen Niederschlag des Gebirges dem Meere zuführen muß, 
stark angeschwollen ist. Ueberraschend ist alsdann der Anblick alles dessen, 
das den Fluß hinunter schwimmt, besonders wenn es bei Hochwasser zur Spring- 
zeit stark geregnet hat. Das Wasser selber, eine dicke schlickige Masse, kann 
man kaum wegen aller der darauf treibenden Gegenstände erkennen. Nicht nur 
altes dürres Holz bringt der Fluß herunter, sondern gesunde starke Baumstämme 
von 80 bis 90 Fuße Länge und 2 bis 3 Fufs im Durchmesser, Kanoes, Theile 
von Bambushütten u. s. w. Auf einem großen Baumstamme sahen wir ein 
ziemlich grofses Krokodil, welches sich nicht zu helfen wufßste und verzweiflungs- 
voll bald unser Schiff, bald die sich ihm eröffnende See anblickte. Einige Leute 
hatte ich während dieses Vorganges beschäftigt, die Ankerkette von den Treib- 
gegenständen frei zu halten. Das einzige aufser uns auf der Rhede anwesende 
Fahrzeug trieb infolge Bruches der Ankerkette vor unseren Bug, ohne indefs 
einen erheblichen Schaden zu verursachen, und weiter nach See. Eine eigentliche 
Gefahr für die Schiffe beginnt jedoch erst gegen Niedrigwasser bei der Spring- 
zeit, wenn die Bänke allmählich trocken werden und der Strom sich nicht mehr 
über sie hinweg verbreiten kann, sondern in das tiefere Flulsbett hineingezwängt 
wird. Die grofse Menge des Flulswassers ergiefst sich alsdann mit rasender 
Geschwindigkeit und unter brausendem Getöse durch drei bis vier Mündungs- 
arme — kleine, tiefe Kanäle durch die Bänke, die der Strom sich geschaffen — 
ins Meer, auf dem Ankerplatze starke Strudel veranlassend, in denen das Schiff 
bald nach der einen, bald nach der anderen Seite ausscheert. Während unserer 
zweieinhalbmonatlichen Anwesenheit auf der Rhede von Esmeraldas ist unser 
Schiff viermal vertrieben, und zwar stets bei Niedrigwasser zur Springzeit. In 
den drei ersten Fällen sprang der Anker aus dem Boden. Das Nachstecken von 
Kette nützt nichts, deun das Schiff befindet sich nach ganz kurzer Zeit auf 
tieferem Wasser — mit 35 bis 40 Faden Kette hängt der Anker auf und nieder —, 
a8 treibt mit der Strömung nach See, und man kann nur sehen, daß man Anker 
und Kette wieder einbekommt. Das Schiff, welches steuerlos mit der Strömung 
davon treibt, kann leicht auf eine der sich an beiden Seiten erstreckenden Bänke 
gerathen; doch waren wir insofern vom Glück begünstigt, als unser Wegtreiben 
stets am Abend oder in der Nacht, wenn gewöhnlich Windstille oder ein leichter 
Landwind herrscht (nur das vierte Mal machte die Witterung eine Ausnahme 
von dieser Regel), sich vollzog. Drei bis vier Tage mufsten wir meistens draufsen 
bei Stillen und Mallungen kreuzen, bevor wir unseren Ankerplatz wieder erreichen 
konnten, einmal dauerte dieses sogar sechs Tage. Unser letztes Vertreiben vom 
Ankerplatz war die Folge des Brechens der Ankerkette. wodurch wir 45 Faden von 
der letzteren und unseren besten Anker verloren. Weil der Strom aufserordentlich
	        
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