Modellierung
Modells nicht nur davon abhängt, wie gut man
den modellierten Prozeß versteht, sondern auch
davon, wie gut man den Modellprozeß versteht
und beherrscht.
Ein Modell ist ein Werkzeug, um ein Objekt
bzw. einen Prozeß zu studieren. Doch ist auch die
Modellierung selbst ein Prozeß, der erst durch
Versuch und Irrtum nach und nach zum Ziel führt.
Die Resultate sollten Rückschlüsse auf das Mo
dell selbst liefern, bis hin zu Konsequenzen für
seine Überarbeitung. Daher entfaltet (auch in der
Ozeanographie) die Modellierung ihr Potential nur
Schritt für Schritt.
Im Sinne dieser Vorbemerkungen soll nun
auf das operationeile Modellsystem des BSH ein
gegangen werden. Operationen bedeutet in die
sem Zusammenhang, daß das Modell routi
nemäßig aktuelle Prognosen unter wechselnden
Umweltbedingungen (Meteorologie, Gezeiten etc.)
berechnet.
Die folgenden Abschnitte bilden keine Be
schreibung des Modells selbst, sondern den Ver
such einer Bewertung seiner Leistungsfähigkeit.
Hierzu werden exemplarisch Anwendungsfälle
des Modells herausgegriffen und im Hinblick auf
die Anforderungen der Praxis diskutiert. Dazu soll
vom Problem ausgegangen werden, um zu zei
gen, in welcher Weise Modellierung nützlich ist.
Numerische Modellierung ist auch ein Ratio
nalisierungsprogramm. Man führt eine Vielzahl
von Erscheinungen auf ein und dasselbe Prinzip
zurück. In diesem Sinne sind ozeanographisch
durchaus verschiedene Ereignisse lediglich Bei
spiele für ein und denselben Vorgang, unter
verschiedenen Bedingungen an verschiedenen
Orten zu verschiedener Zeit. Verschiedene Pra
xisfälle unterstreichen die vielseitige Anwendbar
keit des BSH-Modellsystems.
Wasserstandsvorhersagen
Die Idee eines operationeilen Modells für
Wasserstandsvorhersagen ist nicht neu. Bereits
in den 50er Jahren, als leistungsfähige elektro
nische Rechenanlagen auch für Geophysiker
zugänglich wurden, konnten theoretisch hergelei
tete hydrodynamisch-numerische Verfahren prak
tisch angewendet werden. So führte Hansen ab
1955 Simulationsrechnungen am Rechner des
„International Meteorological Institute Stockholm“
durch. Mit dem damals für die Nordsee erstmals
verwendeten Konzept, speziell zur Nachrechnung
der Sturmflut während des Holland-Orkans 1953,
wurden wichtige Grundlagen geschaffen. Hansen
schreibt 1956:
„Es ist zu hoffen, daß es mit der Entwicklung
von Methoden zur numerischen Vorausberech
nung des atmosphärischen Druckfeldes In 5 km
Höhe, und später an der Meeresoberfläche, für
24, 48 und unter Umständen auch 72 Stunden,
möglich sein wird, die Schubspannung an der
Meeresoberfläche von Rand- und Nebenmeeren
vorauszusagen. In Verbindung mit einer rationel
len Theorie der Wasserbewegungen eröffnet sich
damit erstmalig die Möglichkeit zum Aufbau eines
theoretisch begründeten Verfahrens zur Vorher
sage von Wasserständen und Strömungen in
Rand- und Nebenmeeren. Die zahlreichen rou-
tinemässig ausgeführten Beobachtungen des Was
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