Meereskunde
Modellierung des Seegangs im Küstenbereich
ln der modernen Meeresforschung haben
sich numerische Modelle, die die Naturvorgänge
auf der Grundlage physikalischer Gesetze be
schreiben, durchgesetzt. In den Ingenieurwissen
schaften ersetzen numerische Modelle in zuneh
menden Maße die bisher überwiegend verwen
deten empirischen Bemessungsansätze. Es war
daher an der Zeit, den Küsteningenieuren die in
der Seegangsforschung erzielten Fortschritte in
einem gemeinsamen Projekt, das sich an den
praktischen Problemen des Küstenschutzes
orientierte, zu demonstrieren.
Im folgenden sollen einige neuere Ergebnis
se des KFKI-Projekts „Seegang und Bemessung
auf Seegang im Küstenvorfeld der Deutschen
Bucht und in den Ästuaren“, das 1989-1992 unter
der Leitung des BSPI stattfand, vorgestellt wer
den. Hauptziel war die Entwicklung eines gekop
pelten Modellsystems für Seegang, Strömung
und Wasserstand, sowie für das Windfeld im Kü
stenvorfeld der Deutschen Bucht und die Verifika
tion der Modelle durch Vergleich mit Naturmes
sungen.
Die Messungen des BSH während Sturm
flutlagen im Elbeästuar (Abb. 27) zeigen erstma
lig, daß die gezeitenbedingten Strömungen das
Seegangsgeschehen im Ästuar und weiteren Ver
lauf des Flusses dramatisch verändern. Die See
gangsspektren werden infolge des Doppler-Ef
fekts im Frequenzbereich erheblich verschoben
und deformiert (Abb. 28: links). So werden bei
ablaufendem Wasser und von Westen gegen den
Strom laufenden Seegang (Ebbe) die Spektren
zu niedrigeren Frequenzen verschoben (Abb. 28:
18h-22h). Bei Flut (Abb. 28: 12h—16h und 24h)
tritt der gegenteilige Effekt auf.
Eine Simulation des Doppler-Effekts unter
Berücksichtigung der Richtungsverteilung des
Seegangs (nicht alle Wellenkomponenten laufen
in die Hauptrichtung, sondern bis etwa 90° quer
dazu) demonstriert die beobachtete Dopplerfre
quenzverschiebung und die Komprimierung des
Spektrums auf einen schmalen Frequenzbereich
bei Ebbe, bzw. die Verbreiterung bei Flut (Abb.
28: rechts). Läuft der Seegang quer zur Strom
richtung, findet keine Frequenzverschiebung
statt, die Gesamtenergie wird jedoch wegen der
Richtungsverteilung der Wellenkomponenten
übereinen breiten Frequenzbereich verschmiert.
Trotz dieser qualitativen Übereinstimmung
der Simulation mit den Messungen ergibt sich bei
genauer Betrachtung der Lage der Energiemaxi-
ma, bzw. der zugehörigen „Peakfrequenz“ eine
beachtliche Diskrepanz zu den bekannten Fetch-
gesetzen. Aufgrund dieser aus Messungen abge
leiteten Gesetze benötigen die Wellen bei einer
gegebenen Windgeschwindigkeit eine Mindest
laufstrecke und Fetch (Windstreichlänge), um
sich bei zu einer bestimmten Wellenhöhe und
-länge, bzw. Peakfrequenz entwickeln zu können.
Diese Mindestlaufstrecke in Windrichtung beträgt
z. B. für den Fall der Messung um 20 Uhr 60 km
(gerade gestrichelte Linie in Abb. 27). Die tat
sächliche Laufstrecke ist wegen des Uferverlaufs
aber nur 10 km und reicht nicht aus, die beobach
teten Wellen von 0,16 Hz Peakfrequenz, entspre-