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Dies legt den Schluß nahe, daß der Seegang aufgrund der erhöhten Wasserstände zumindest
im Bereich des Meßortes keine Mobilisierung von Schwebmaterialien bewirkt hat. Eine
Erosion erfolgte vielmehr in den höher gelegenen, schlickigeren Teilen des Watts, in
Gebieten, wo bereits eine geringe Zunahme der Wellenenergie zu einer Aufwirbelung und zu
einem verstärkten Transport von feinkörnigen Sedimenten fuhren kann [Ricklefs 1997]. Die
Auswirkungen dieser andernorts durch Wellenbewegungen in Gang gebrachten Mobilisierung
von Schwebmaterialien sind bei nachlassendem Windstau und wieder tiefer ablaufender Ebbe
(zweite Tide 29.03.) als gut ausgebildetes aber phasenversetztes Maximum der
Schwebstoffkonzentration zu erkennen. Vergleichbare Phasenverschiebungen zwischen dem
Auftreten der höchsten Schwebstoffkonzentration und der maximalen Windgeschwindigkeit
bzw. der vorausgegangenen Windstausituation sind in ähnlicher Ausprägung auch aus
anderen Wattgebieten bekannt [Postma 1980, Pejrup 1988 und Austen et al. 1997].
Nicht allein das zuletzt diskutierte Ergebnis zeigt, daß der Feststofftransport am Meßort 3.6 in
starkem Maße durch advektive Prozesse bestimmt ist. Lokale Resuspension von feinkörnigen
Sedimenten findet hier nur untergeordnet statt. Die Menge der in Bewegung befindlichen
Schwebstoffe hängt im wesentlichen von der hydrodynamischen Kraffeinwirkung ab, d.h. von
Tide- und Triftströmen sowie vom Seegang. Weiterhin sind das Verhältnis von Wassertiefe
zu Wellenhöhe über den Gebieten mit mobilisierbaren Sedimenten und natürlich die
Verbreitung ebensolcher Ablagerungen von Bedeutung.
Auf der Basis der vorhandenen Daten ergibt sich damit für den Bereich der Station 3.6 eine
Modellvorstellung, wonach bei stärkeren Ostwinden aufgrund der dann geringeren
Wassertiefen über den höher gelegenen Wattbereichen die Resuspension von feinkörnigem
Sediment am intensivsten ist. Dieses Material gelangt mit den Tideströmungen an den
Meßpunkt und fuhrt dort um Tideniedrigwasser herum zu anhaltend hohen
Schwebstoffgehalten. Bei Starkwinden, die zu Erhöhungen des Wasserstandes führen, ist
dagegen die Mobilisierung geringer, da bedingt durch die größeren Wassertiefen die
Kraffeinwirkung der Wellen in weiten Bereichen gering bleibt. Erst wenn bei nachlassendem
Windstau die von den hoch gelegenen Wattarealen zurückströmenden und mit Feststoffen
beladenen Wassermassen den Meßpunkt erreichen, tritt ein phasenverschobenes
Schwebstoffmaximum auf.
Ausgeprägte Phasenverschiebungen sind auch bei den bodennahen Messungen an den
Stationen 1.3 und 1.6 (Profil Hörnum-Amrum) im tieferen Wasser des Hörnum-Tiefs zu
beobachten (Abb.43). Allerdings sind die am deutlichsten ausgebildeten zeitlichen
Verschiebungen zwischen hydrodynamischer Krafteinwirkung und Schwebstofführung hier
nicht auf windinduzierte Vorgänge sondern auf tidebedingte Prozesse zu beziehen. So zeigt
Abb.43, daß die maximale Schwebstofführung des Gewässers regelmäßig etwa 1-1,5
Stunden nach der stärksten Ebbeströmung auftritt. Diese hohen Konzentrationen halten dann
für etwa zwei Stunden an, um erst wenig vor Tideniedrigwasser etwas abzunehmen. Das
kurzzeitige Schwebstoffmaximum, das sich anschließt und überdies in seiner wechselnden
Ausbildung sehr schön die tägliche Ungleichheit der Tide widerspiegelt (Abb.43), ist dagegen
das spontane Resultat lokaler Resuspensionsvorgänge. Ausschlaggebend dafür ist die
einsetzende Flutströmung, die, bedingt durch den damit verbundenen radikalen
Richtungswechsel, sehr effektiv die während der vorausgegangenen Stauwasserphase
abgesunkenen Schwebteilchen wieder vom Boden aufnimmt.
Eine vergleichbare und wiederum nur etwa 30 Minuten meßbare Aufwirbelung von
Schwebstoffen findet ebenfalls zu Beginn der Ebbe statt. Im Fall der in Abbildung 43
dargestellten Messungen allerdings auf einem Konzentrationsniveau, das um Tidehochwasser
herum typischerweise die niedrigsten Werte aufweist.