590 Annalen der Hydrographie und Maritimnen Meteorologie, November 1906.
Vorgebirgen usw, Diese Abbildungen konnten den Schiffer in den Zeiten, wo
die astronomische Ortsbestimmung noch in den Kinderschuhen steckte, bei der
Annäherung an die Küste leicht über seinen Aufenthaltsort orientieren, Nach
dem Titel zu urteilen, ist dieses Mittel zum ersten Male 1566 angewandt worden
und dann in jeder Ausgabe der kleinen billigen Bücher wiederholt, so auch in
dem Göttinger Exemplar von 1588. Die Verbreitung der Bücher muß eine große
gewesen sein, so daß dieses Mittel der Orientierung allgemein bekannt wurde.
Mehr Nachdruck auf die bildliche Ausschmückung der Seebücher ist von
Goeyuart Willemsen van Hollesloot gelegt worden; bei ihm zum ersten Male sehen
wir den Versuch gemacht, Karten herzustellen. Es finden sich bei ihm zuerst
einfache Küstenansichten, dann aber Ansichten, vor die eine Sandbank im
Grundriß gezeichnet ist, sich im Kreis krümmende Küstenbilder, die somit
Panoramen von Buchten darstellen, endlich vollständige Karten, Das Merk-
würdige dieser Karten ist, daß jede Küstenlinie von der zugehörigen Ansicht be-
gleitet ist, indem sich diese nach dem Verlauf der Küste krümmt. Das Wesen
einer Karte, die den Grundriß aller Gebilde wiedergeben soll, ist noch nicht er-
kannt, das sehen wir an den wunderbaren Darstellungen, die Gebäude mitten
ins Wasser setzen, wie bei der Karte von St. Maria de Faro. Die Karten kenn-
zeichnet ein stetes Ringen zwischen Grundriß und Aufriß, zwischen Lageplan
und Küstenansicht. Da aber unmöglich eine Karte beiden Teilen genügen kann,
so stellen unsere Bilder jedesmal einen Kompromiß beider Auffassungen dar.
Wurde zum ersten Male, wenn auch in primitiver Weise, von Willemsen
die Karte in die Nautik eingeführt,') so war sie doch nur gelegentlich in den
Text eingefügt .worden. Das Verdienst, die Karte, das heute unentbehrliche
Mittel der Seefahrt, systematisch für den Seefahrer bearbeitet zu haben, gebührt
Lucas Jansz Waghenaer (Aurigarius, Chartier).*) Erhellt die Wichtigkeit und
weite Verbreitung seiner Atlanten schon daraus, daß durch Jahrhunderte ein
Seeatlas kurz » Waghenaer« genannt wurde, so wird sich auch unten Gelegenheit
bieten, auf den weitgehenden Einfluß seiner Atlanten auf die Kartographie näher
einzugehen,
Trotzdem die Karten Waghenaers auf einer bedeutend höheren Stufe stehen
als die von Willemsen, muß man doch alles über sie Gesagte hier wiederholen.
Da auch hier die Küsten ständig von der Ansicht begleitet sind, muß die Dar-
stellung auf beide Formen Rücksicht nehmen; es resultieren die merkwürdigsten
Absonderlichkeiten. Wurde z. B. eine Bucht von den Schiffern nicht aufgesucht,
so genügte es, sie in der Küstenansicht durch die kulissenartige Gebirgs-
anordnung anzudeuten, Bei einer gefahrvollen Küste ohne wichtigen Handels-
platz, und sei sie noch so zerrissen (Nordküste der Bretagne), genügte eine
gerade Linie mit angezeichnetem Aufriß, Bei Vorgebirgen sehen wir die An-
sicht des Kaps mit ihrer Kammlinie oft den Küstenverlauf durchbrechen; Inseln
sind häufig nur durch die Ansicht dargestellt, zumal wenn das Fahrwasser nur
an einer Seite vorbeiführte. War ein Berg von zwei verschiedenen Seiten sicht-
bar, so mußte er infolgedessen in zwei Ansichten, also doppelt, dargestellt werden.
Dieses merkwürdige Bild tritt uns bei der Darstellung von Tenerifa und dem Kap
S. Vicente usf, entgegen. Fast kann man allgemein den Grundsatz aufstellen:
störten sich Aufriß und Grundriß, so wurde der Grundriß im Interesse des Auf-
risses vernachlässigt.
Die Schiffer mußten sich der Küstenansicht gerne bedient haben, die ihnen
durch den Gebrauch der Seebücher geläufig war, Denn Waghenaer, dem das Wider-
sinnige der doppelten Darstellung nicht entgangen sein kann, bringt die An-
i) Das Buch von Willemsen ist nur in den Ausgaben von 1588 und 1594 erhalten; eine
Ausgabe von 1587 wird im TAresoor von Waghenaer erwähnt; daß aber dieses nicht die ersten
Ausgaben sein können, erhellt aus der Legende der Kattegat-Karte, wo es heißt: »Dit Noorweghen
hebben wy by Gouaert Willemsz alleen gheuonden / ende om dat tet het leste werk is | ende
beter beuonden wort | is het hier by Yen gehte Ja, es scheint sogar, als ob vor Willemsen
schon Karten bestanden hätten, denn die Legende der Weserkarte (l. c. Karte 1) sagt: »Dit van de
ELF | heeft Gouert Willemsz wit anderen genomen ende goet gheuonden | daerom hier by
gheuoecht.« Wer die »anderen« gewesen sind, ist nicht zu ermitteln gewesen.
?) L. J. W., Spieghel der Zeevaert, 1584.