Über die Zirkulation des Tiefenwassers ist bisher nur wenig
bekannt. Für die Grönland-See läßt sich erstmals anhand der Daten
dieser Reise ableiten, daß die Tiefenzirkulation antizyklonal ver-
läuft. Damit ergeben sich für die Wechselwirkung mit den Wassermas-
sen der anderen Tiefseebecken, besonders des Boreas- um des
Island-Beckens, wichtige neue Gesichtspunkte. .Der Austausch zwischen
den einzelnen Becken geschieht hauptsächlich durch die Durchlässe
der Bruchzonen in den Tiefseerücken, welche die Becken voneinander
trennen; regional findet auch ein Austausch über die Käme der
Rücken statt. Die Tiefenwasserzirkulation ist jedoch nicht auf die
Srönland- und Norwegische See beschränkt, da Tiefenwasser auch durch
die Grönland-Spitsbergen-Passage (Fram-Strasse) in den Arktischen
dzean gelangt, dort rezirkuliert und die Grönland-See entlang ihres
Westrandes erneut erreicht. Wassermassen mit Eigenschaften, die
denen des oberen Norwegischen-See-Tiefenwassers ähnlich sind,
Eließen auch über die Grönland-Schottland-Schwelle in den Nord-
atlantik.
Die Wassermassen, von denen man weiß, daß sie an der winterlichen
Meeresoberfläche in dem Gebiet zwischen den Polaren und Atlantischen
Wassermassen gebildet wurden, finden sich im Sammer in mittleren
Tiefen wieder; sie werden allgemein als Arktisches Zwischenwasser
{AIW) bezeichnet ( -1l1 bis 3 °C,ca. 34,6 bis 35,1). Das AIW kann
Sowohl durch ein Temperaturminimum bei 0 °C und Salzgehalten von
34,6 bis 34,9 als "oberes AIW", wie auch bei größerer Dichte mit
Terperatur- und Salzgehaltsmaxima von etwa l bis 3 °C und 34,9 bis
35,1 als "unteres AIW" unterschieden werden. Das untere AIW wird
durch das Abkühlen und Absinken von Atlantischem Wasser in der Nähe
von Spitsbergen und wahrscheinlich auch bei Jan Mayen gebildet. Das
obere AIW jedoch entsteht im Winter an der Meeresoberfläche im
Gebiet des Island- und des Grönland-Wirbel. Dabei kann die Entsteh-
ung von AIW auch ein wichtiger Schritt bei der Entstehung von GSIW
sein, da bei einer seitlichen Einmischung des AIW nur noch eine
geringfügige Abkühlung benötigt wird, um neues GSIW zu bilden. Für
das Gebiet der nördlichen Grönland-See müssen diese Unterscheidungen
insofern eingeschränkt werden, als dort geringe, keine oder sogar
negative Dichteunterschiede zwischen dem oberen und dem unteren AIW
auftreten können, da dort Teile des neuen unteren AIW eine geringere
Dichte bezogen auf das gleiche Druckniveau haben als das obere AN.
Die Untersuchung der Bildung, Umverteilung und Modifizierung der
Wassermassen in der Norwegischen- und Grönland-See ist bislang daran
gescheitert, daß mur wenig Daten von genügender Genauigkeit zum
Zeitpunkt des winterlichen Dichtemaximums -also etwa im Mirz-
vorhanden waren. Mit den hier vorgelegten Daten stehen erstmals
hydrographische Daten mit einer solchen geringen Fehlergrenze zur
Verfügung, so daß besonders im Bereich der tiefen Zirkulation
deutliche Strukturen erkenn- und interpretierbar werden. Die all-
gemeine hydrographische Situation ist auch für die anderen Jahres-
zeiten schlecht belegt. Das Meßprogramm war daher besonders ausge-
richtet auf
die regionalen Unterschiede in den Tiefenwassereigenschaften,
die charakteristische Verteilung der Wassermassen entlang der
Oberflächenfront von Jan Mayen bis Spitzbergen, welche die at-
lantischen Wassermassen von denen polaren Ursprungs trennt,
die allgemeine Verteilung der Nährstoff- und Sauerstoffelder und