Walter Knoche: Der „Austrocknungswert 11 als klimatischer Faktor.
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In bezug auf die Wasserabgabe durch die Haut scheint es, daß die Kälte einen spezifischen Reiz
auf die Schweißdrüsen in einem sie inaktivierenden Sinne ausübt, während sie im Hochgebirge eine
Herabsetzung ihrer Funktion möglicherweise durch eine überaus große Wasserabgabe erleiden (vergl.
(56) Erhöhung der Hauttemperatur in verdünnter Luft).
Die Lufttemperatur übt einen entschiedenen Einfluß auf die Hautatmung aus. Sie kann alle übrigen
Faktoren wie den Luftdruck und den vorhandenen Wasserdampf kompensieren. Siehe A.J.Kalmann „Über
die Beeinflussung der Wasserabgabe der Haut durch die klimatischen Faktoren usw.“; W. Pflueger,
Archiv d. Phys. 1906, Heft 11—12, pp. 561—99. Man muß streng unterscheiden zwischen dem Einfluß
der Abkühlungsgröße als eines rein physikalischen Faktors auf die Wasserabgabe durch die Haut (Ver
minderung der Hauttemperatur) und ihrem spezifisch physiologischen Einfluß auf die Organe, welche
die Ausscheidung des Wassers vermitteln. Leider fehlen einschlägige Versuche mit definitiven
Resultaten noch völlig.
Es wird behauptet, daß in Collahuasi Aspirin keinen Schweißausbruch hervorruft, auch dann nicht,
wenn man künstlich ein geeignetes Klima erzeugt, indem man sich beispielsweise besonders gut zudeckt.
Als eine große Ausnahme lebte in Collahuasi ein Cholo (indianischer Mischling), der hin und wieder
schwitzte. Diese Ausnahme ist bemerkenswert als Beweis dafür, daß die Transpiration die Folge eines
physiologischen und keines pysikalischen Vorganges ist. Zur Erforschung klima-physiologischer Prozesse
sind aber unbedingt spezifische physikalische Werte zu benutzen.
An Orten mit excessiver Kälte (vergl. (30)) befindet man sich dank der geringen Durchlässigkeit
der Kleidung in einem künstlichen Klima von höherer Feuchtigkeit als beispielsweise in der Puna, da
hier als Folge der kräftigen Sonnenstrahlung leichtere Kleidung benutzt wird. Das Mittel des bioklima
tischen Austrocknungswertes ist in Gebieten großer Kälte ein recht hohes, aber es kommen keine großen
Amplituden vor wie etwa in den andinen Gebieten (vergl. Tabelle 4), wo der Schattenwert um 2 p Uhr
bedeutend größer ist als das Mittel; im Gegensatz zum winterlichen Nord-Asien steigt dieser noch durch
den Einfluß der Strahlung. Die extremen Werte sind in Collahuasi, Chuquicamata und der Mine Aguila
(vergl. Tabelle 5) gelegentlich höher als in Werchojanslt oder Russkoje Ustje.
Welches sind nun die Bedingungen in einer geheizten Wohnung in Sibirien? Wenn die Temperatur
im Zimmer bei unveränderter absoluter Feuchtigkeit steigt, so werden ähnliche Bedingungen vorhanden
sein wie in den Hoch-Anden. Es ist jedoch wahrscheinlich, daß in gut geschlossenen und mit Holz ge
heizten Wohnungen zusammen mit der Vermehrung der Temperatur eine beträchtliche Vermehrung des
Wasserdampfes stattfindet, nicht nur durch die Wasserabgabe des.Organismus, sondern auch durch die
Verbrennung, so daß das häusliche Klima einen geringeren Austrocknungswert zeigen wird als das
Außenklima. — Dagegen glaubt man in Collahuasi, daß geheizte Zimmer schädlich, besonders für neu
angekommene Personen, sind. Die Häuser sind sehr kräftig ventiliert; als Brennmaterial wird trockene
Taquia oder die Llareta benutzt, die schwerlich viel Wasserdampf abgeben. Es ist so erklärlich, daß der
bioklimatische Austrocknungswert in derartigen Häusern ansteigt. Dazu kommt in den Anden im Ge
gensatz zu Sibirien eine Vermehrung der Atemfrequenz und Erhöhung der Atemtiefe, Faktoren, welche
die Austrocknungswerte resp. die Wasserabgabe durch die Atmungsorgane erhöhen.
Bekanntlich wird das winterliche Klima Sibiriens von allen Reisenden, die sich längere Zeit dort
aufhielten, als trocken geschildert, und in der Tat verdient es in bezug auf den bioklimatischen Aus
trocknungswert diese Bezeichnung trotz der angeführten Einschränkungen. Ferdinand Müller (cit. Hann,
Handb. d. Klimatol. (1911) III., p. 297) sagt: „Der Gesundheit ist die Gleichmäßigkeit und Trockenheit
des Klimas in ausgezeichneter Weise dienlich, Lungenkrankheiten sind in Sibirien (ähnlich wie in
der Puna; d. V.) unbekannt, und Schwindsüchtige, die dort hinkommen, werden häufig ausgeheilt.“ Ein
merkwürdiges Beispiel führt Hann (1. c. p. 257) für Jenisseisk an: „Der Beobachter ging bei einer Tem
peratur von — 58,6° hinaus und -fühlte nichts, wenigstens soweit er sich in der Ebene bewegte. Aber
als er einen niedrigen Hang hinanstieg, mußte er bei jedem Schritt stehen bleiben, da die Atmung er
schwert war.“ Hier scheint ein fast typischer Fall von Puna beschrieben zu sein. Daß die Trockenheit