46 Jahresbericht der Deutschen Seewarte für 1902.
Eine Untersuchung über die bis jetzt gewonnenen Ergebnisse der Auf
zeichnungen aus der freien Atmosphäre ist begonnen und wird im nächsten Jahre
weitergefördert werden. Ein ausführlicher Belicht über die Erforschung der freien
Atmosphäre mit Hülfe von Drachen ist im April und Mai gedruckt und im Juni
im „Archiv der Seewarte“, Bd. 24, erschienen.
Eine Experimental-Untersuchung über die Verteilung des Drucks auf der
Vorder- und Rückseite schräge durchs Wasser geführter Platten und Platten
systeme ist von Prof. Koppen mit Rücksicht auf deren Anwendung auf Drachen
durchgeführt worden; ihre Ergebnisse werden demnächst zur Veröffentlichung
kommen.
Die Drachenaufstiege konnten, da in diesem Jahre Mittel dazu im Etat aus
geworfen waren, schon vom 1. April aufgenommen werden. Der geringe Betrag
der Letzteren — 8000 M. — gestattete indessen nicht, die für einen regelmäßigen
Betrieb der Aufstiege durchaus notwendige Ueherführung der Station auf eine freiere
Stelle, Erbauung einer heizbaren Werkstatt nebst Bureauraum und Einstellung
eines festen Personals. Vielmehr konnten nur einige Vorarbeiten für diese not
wendige Reform getroffen werden und im üebrigen die Arbeiten nur in derselben
Weise weitergeführt werden, wie in den letzten Jahren. In der besseren Jahres
zeit wurde eine Anzahl guter, wenn auch nicht hoher Aufstiege, namentlich an
den internationalen Ballontagen ausgeführt. Während einer Reihe von Wochen
wurden die Arbeiter auf Rechnung der Samoa-Expedition der Königl. Gesellschaft
der Wissenschaften in Göttingen mit dem Bau von Drachen und eines Schirmes
zu dem für dieselbe Expedition unter Leitung von Prof. Koppen auf der Eims-
bütteler Maschinenfabrik gebauten Drachenhaspel beschäftigt. Auch in diesem
Jahre wurden möglichst viele Erfahrungen über die beste Form und Ausstattung
der Drachen gesammelt. Da der im vorigen Jahresbericht erwähnte, sehr leicht
steigende Treppendrache sich im Laufe der Zeit als nicht ganz so stabil, wie der
Hargrave- oder Kasten-Drache erwies, so wurde durch Hinzufügung einer zweiten,
kleineren, hinteren Zelle zum Treppendrachen eine Mittelform geschaffen, die sich
in drei Exemplaren sehr gut bewährt hat und namentlich einen ’ überraschend
guten Steigwinkel (über 63° im Mittel) aufweist; sie hat die Bezeichnung „Treppen
kasten“ erhalten. Diese Form steigt zwar nicht ganz so leicht, wie der Treppen
drache, aber doch leichter, als der „Hargrave“. Fast ebenso gute Resultate hat
aber auch ein einfacheres Modell gegeben, das nach seinem Querschnitt den Namen
„Brilliant-Drache“ bekommen hat. Im Winter, wo leider nur ein Arbeiter in
Arbeit gehalten werden konnte, gegen zwei im Sommer, hat derselbe nunmehr
von beiden Typen eine Anzahl Stück im Gebäude der Seewarte hergestellt, damit
der nötige Vorrat für den Beginn der Versuche auf dem neuen Drachenplatz im
April 1903 vorhanden sei.
Dieser neue Drachenplatz ist ein beim Dorfe Groß-Börstel belegenes, über
4 ha großes Landstück des Hamburgischen Staates, das der Deutschen Seewarte
pachtweise auf 10 Jahre überlassen ist.
Da die oben erwähnten Treppenkasten-Drachen in der als Norm für sie
angenommenen Größe von 5 qm bei mäßigem Winde den Meteorographen unter
einem vortrefflichen Winkel mit einem Zuge von durchschnittlich- nur 15 kg empor
tragen und erst nach Erreichung einer Höhe von ca. 1000 m Hülfsdrachen nötig
werden, so kann mit dünnen Drähten und geringen Spannungen gearbeitet werden.
In dienstlichem Auftrag nahm Prof. Koppen am 20. bis 25. Mai an der
dritten Tagung der internationalen Kommission für wissenschaftliche Luftschiflfahrt
in Berlin, am 20. bis 24. Juli an der Experten-Konferenz für Wetterschießen in