Rudolf Geiger und Fritz Wagner: Höhenwinde vor der westafrikanischen Küste
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Wahrscheinlichkeit, ein solches eingezeichnetes Stromfeld im Einzelfall in der Natur anzutreffen,
außerordentlich gering, während bei den glatt gezeichneten Stromlinien mit großer Wahrschein
lichkeit mit dem Antreffen dieser Strömung im Einzelfall gerechnet werden kann. Somit hat diese
Art der Stromfelddarstellung eine praktische Bedeutung bei der Beurteilung eines Stromfeldes
zum Beispiel für den Luftfahrer.
ln allen Fällen sagt der Ausdruck „Beständigkeit“ nur qualitativ etwas über die Rich
tungsveränderlichkeit der Strömung aus, nicht quantitativ. Wenn man daher einen
Überblick über die quantitative Veränderung der Windrichtung bekommen will, muß man immer
auf die Häufigkeitsverteilungen der Windrichtungen zurückgreifen. Darum sind neben der
Darstellung der Beständigkeit des Stromfeldes noch die relativen Windrichtungs
verteilungen gegeben. Es soll dadurch gezeigt werden, daß das gezeichnete Stromfeld
nicht etwas Starres, sondern etwas in gewissen Grenzen Veränderliches, etwas Lebendiges ist.
Durch die Angabe der vektoriellen Luftversetzung, der Beständigkeit als das Verhältnis der
vektoriellen Geschwindigkeit zu der skalaren Geschwindigkeit und durch die relative Wind
richtungshäufigkeit läßt sich ein Stromfeld in seinen wesentlichen Zügen darstellen.
3. Die allgemeinen Züge des Stromfeldes nach den Tabellen der Mittelwerte.
a) Die Verteilung der Ostkomponenten.
Die Grenze zwischen der mittleren ostwestlichen und westöstlichen Luftversetzung in dem
untersuchten Ausschnitt der atmosphärischen Zirkulation läßt sich ohne weiteres aus der Tabelle
der mittleren Ostkomponenten (Seite 52) entnehmen. Betrachten wir zunächst die Strömung
westlich von 20° W. Lg., die durch die Werte der 5°-Felder VIII bis XII veranschaulicht wird.
Am Boden ist in 35° bis 40° N. Br. noch keine östliche Strömung vorhanden, da die wenigen
Beobachtungen des Feldes VIII während einer Reise angestellt sind, bei der das Windsystem
der gemäßigten Breiten weit nach Süden vorgedrungen war. Die nördliche Grenze der Ost
strömung läßt sich nach dem vorliegenden Beobachtungsmaterial westlich von 20° W. Lg. nicht
genau bestimmen. In dem Beobachtungsfeld IX auf 20° bis 25“ N. Br. erreicht die Ostströmung
schon eine Höhe von 2 km. Im nächsten Feld X ist die untere Ostströmung schon bis 3 km Höhe
angewachsen, um südlich von 15° N. Br. rasch weiter anzusteigen. In den beiden Feldern XI
und XII, die 15° bis 5°N. Br. umfassen, ist die obere Grenze der ostwestlichen Luftversetzung in
7 und in 11 km Höhe noch nicht erreicht. Das schnelle Ansteigen der oberen Begrenzung der
östlichen Strömung ist nach den Bearbeitungen der Höhenwindmessungen im Passatgebiet von
A. Peppier s6 und von H. U. Sverdrup” bekannt, jedoch erfolgt der rasche Anstieg bei den vor
liegenden Beobachtungen aus den Monaten September bis November südlicher als in den
Sommermonaten; dieses entspricht der Lage der tropischen Tiefdruckrinnc. Die größten mitt
leren Werte der Ostkomponenten liegen zwischen 20° und 25° N. Br. am Boden mit 5,9 m/sec,
in den Breiten 20° bis 5°N. Br. in Höhen zwischen 1 und 2 km mit Geschwindigkeitsbeträgen
von 6 bis 7 m/sec.
Einige bemerkenswerte Unterschiede weist die Grenze zwischen östlichen und westlichen
Winden nach den Beobachtungen über den 5°-Feldern östlich von 20°W.Lg. gegenüber den
eben behandelten Beobachtungen auf. Hier beginnt die mittlere Ostströmung am Boden schon
nördlich von 40° N. Br. Nach den Monatskarten der Deutschen Seew'arte ist die mittlere Nord-
26 A. Peppier, Die Windverhältnisse im nordatlantischen Passatgebiet, dargestellt auf Grund aerologiseher
Beobachtungen. Beiträge zur Phys. d. fr. Atm., IV. Bd., 1912, 8. 35—55.
23 H. Ü. Sverdrup, Der nordatlantische Passat. Veröffentlichung des geophys. Inst. d. Univ. Leipzig,
2. Serie, Bd. II, Heft 1, 1917.