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Aus dem Archiv der Deutschen Seewarte. — 48. Bd. Nr. 4.
IY. Meteorologische Einzelstndien.
1. Der Mittelmeersturm vom 28. Juni 1928.
Eine meteorologisch beachtenswerte Erscheinung aui dem Langstreckenflug stellt der Mittelmeer
sturm vom 28. Juni dar. Zum Verständnis für seine Entwicklung sei zunächst auf die Gestaltung der
allgemeinen Wetterlage hingewiesen. Ausgegangen werden muh hierbei von der Wetterlage am 26. Juni,
der ein starker Sturmwirhel über den Britischen Inseln das Gepräge gab. Der Kern des Sturmwirbels
lag mit einem Barometerstand von 740 mm über der Irischen See. Unter seinem Einfluß wehten am
Morgen über Nordfrankreich, dem Kanalgebiet und Südengland stürmische südwestliche bis westliche
Winde, während auf der Rückseite vor dem westlichen Kanaleingang, über Irland und Westschottland
stürmische Nordwest- bis Nordwinde herrschten. Vom Ozean her drängte ein Hochdruckgebiet mit
770 mm in seinen mittleren Teilen scharf nach. Die nordwestliche bis nördliche Strömung auf der
Rückseite des Sturmwirhels verfrachtete Kaltluftmassen aus dem europäischen Nordmeer und dem
Polarbecken südwärts und südostwärts. Bis zum 27. vormittags zog der Sturmwirbel, in mehrere Teile
aufsplitternd, nach der Nordsee, dem Skagerrak und Dänemark, während das nordatlantisehe Hoch
druckgebiet nach Frankreich und den Britischen Inseln vorstieß. Die auf der Rückseite des Tiefdruck
gebietes einbrechende Kaltluft breitete sich mit nordwestlicher Strömung südostwärts über Frankreich
und Deutschland aus. Der Luftdruckanstieg und die ihm entsprechende Ausbreitung des atlantischen
Hochs ist zum Teil auf den Kaltlufteinbruch zurückzuführen, zum andern Teile aber auf Vorgänge in
den höheren Luftschichten („primärer Druckeffekt“). Über dem Mittelmeerbecken lag Warmluft; die
Morgentemperaturen am Mittelmeer überschritten an der spanischen, südfranzösischen und italienischen
Küste fast allenthalben 20° C. Und am Tage wurden am 26., 27., 28. vielfach 30° C erreicht oder über
schritten. In diesen Tagen entwickelte sich über dem westlichen Mittelmeer eine flache Tiefdruck
mulde, die der Verlagerung der großen Luftdruckgebiete über Europa entsprechend ostwärts zog und
am 27. früh als flaches Tief über dem Genuagolfe lag. Durch diese Ostwärtsverlagerung konnte sich
nun eine Rückseitenströmung ausbilden, die zwischen Pyrenäen und Alpen Kaltluft ansog.
Vom 27. bis zum 28. Juni schritt der nördliche Tiefdruckwirbel über Südschweden hinweg nach
dem Bottnischen Meerbusen. Das ozeanische Hochdruckgebiet wanderte ebenfalls rasch ostwärts; es
lag am 28. früh mit seinem Kern von etwa 772 mm an der mittleren Loire. (Tafel, Karte 2). Der Kalt-
lufteinbruch hatte weitere Fortschritte gemacht, wie die nachstehende Temperatur-Zahlentafel zeigt:
26.
27.
28.
Bordeaux
17°
17°
10° C
Toulouse
17°
15°
15° C
Le Puys
21°
12°
10° c
Marignane
24°
O
o
CU
18° C
Mit dem Vordringen des Hochdruckgebietes auf dem Festlande verschärften sich die Druckgegen
sätze zwischen dem festländischen Hochdruckgebiet und dem Tiefdruckgebiet über dem Mittelmeer, von
dem ein flacher Tiefdruckkern auch noch am 28. über dem Golf von Genua zu erkennen war. Die Winde
begannen daher aufzufrischen. Bereits am 27. früh hatten Marignane NNW B, Perpignan NNW 5,
Mahon auf Minorca N 5; am 27. um 13 Uhr Perpignan NNW T 6, Mahon N 6. Der Haupteinbruch kalter
Luft erfolgte jedoch im Laufe vom 28. Juni entweder, weil erst dann die Hauptstaffel der nordischen