Bongards, H.: Die aerologischen Flugzeugaufstiege der Deutschen Seewarte im Jahre 1922. 107
Anstiegswerte benutzt. Um aber einen Anhalt für den Betrag des Nachhinkens
zu bekommen, wurden auch mehrere Abstiege, soweit sie die oben angeführte
Grenze der Vertikalgeschwindigkeit nicht überschritten, ausgewertet. Besonders
geeignet für diese Thermometerkritik erschienen die Aufstiege vom 16, Mai, Das
Zeitintervall zwischen diesen beiden Aufstiegen beträgt nur acht Stunden, der
Abstieg des Vormittagsfluges war auswertbar, und der Verlauf der Höhenisothermen
zeigt, daß die zeitlichen Temperaturänderungen in den Luftschichten um 5000 m
Höhe im Verlauf dieser acht Stunden recht gering ist. Bild 3 (Tafel 5) zeigt
die drei Zustandskurven. Zwischen 4700 m und der Maximalhöhe decken sich
die Zustandskurven von Auf- und Abstieg am Vormittag vollständig, und mit
der Aufstiegskurve am Nachmittag besteht befriedigende Übereinstimmung. Das
zeigt einwandfrei, daß der durch Nachhinken verursachte Fehler kleiner ist als
der bei der Ablesung aus der Registrierkurve sich ergebende, der sich in den
Grenzen +0.1° hält. Unterhalb 4700 m läßt die‘ Abstiegskurve eine fallende
Tendenz erkennen, die sich auch aus den Höhenisothermen ergibt, Sogar die Er-
wärmung vom Vormittag zum Nachmittag bei 2800 m ist bereits in der Ab-
stiegskurve angedeutet. In tieferen Schichten, die in das Kumulusniveau mit
ihren schnellen und starken zeitlichen Änderungen fallen, ist naturgemäß eine
einheitliche Tendenz nicht mehr zu erkennen, Eine derartig strenge Vergleich-
barkeit von An- und Abstiegswerten ist in der aerologischen Beobachtungs-
technik noch etwas recht Ungewöhnliches. Bei Drachenmessungen tritt häufig
der Fall ein, daß man die Abstiegswerte überhaupt als unzuverlässig ansehen muß,
was sich zuweilen daraus ergibt, daß bei Vormittagsaufstiegen selbst an schwach-
wolkigen und ruhigen Tagen in Schichten unter 500 m Temperaturen registriert
werden, die niedriger liegen als die mehrere Stunden früher aufgezeichneten
Anstiegswerte; man kann aber zuweilen bei einer dem Abstieg unmittelbar
folgenden oder einer zwischen An- und Abstieg liegenden Anstiegsregistrierung
aus einem Hilfsdrachen die steigende Tendenz der Temperatur im Sinne des
täglichen Gangs am Boden feststellen. Hier zeigt also die Flugzeugmethode
auch einen wesentlichen Vorzug gegenüber der Drachenmethode, der einzig und
allein in der starken Ventilation des Thermometers begründet ist. Es sei in
diesem Zusammenhang nochmals darauf hingewiesen, daß nach. den hiesigen
Erfahrungen bei einer Neukonstruktion von Flugzeugmeteorographen durchaus
anzustreben ist, daß der Fahrtwind zur Ventilation voll ausgenutzt wird. Nur
dadurch wird erreicht, daß auch die Abstiegswerte zuverlässig sind und aus
ihnen ein Schluß auf die Änderungstendenz der Temperatur gezogen werden
kann. Wie häufig kurzzeitige beträchtliche Temperaturschwankungen auch ir
höheren Schichten zu beobachten sind, zeigen die Zustandskurven von einigen
anderen Tagen (Bild 2, Tafel 5).
Auch bei der Bestimmung des Basiswertes der Temperatur am Boden ist
gute Ventilation des Registrierapparates erforderlich, wenn man genaue Absolut-
werte der Temperatur erhalten will. An sonnigen Tagen mit schwachem Wind
erwies sich die Unzulänglichkeit der bisherigen Methode, wenn die Basisein-
stellung in der Weise vorgenommen wurde, daß das Registrierinstrument im
Schatten des oberen Tragdecks in das gegen den Wind gerichtete Flugzeug
eingehängt und bei laufendem Propeller mit dem in gleicher Höhe gehaltenen
Aspirationspsychrometer verglichen wurde. Da die Anbringung im Luftstrahl
des Propellers nicht einwandfrei ist, so genügte die Ventilation nicht immer.
Es wurde daher ein Handventilator beschafft, durch den das beschattete In-
strument vor der Anbringung im Flugzeug mit einem Luftstrom von 5—6 m p.5.
ventiliert wird, eine Geschwindigkeit, die für die 3—5 Minuten dauernde Ver-
gleichung genügt, Es ist dann besondere Vorsicht bei der nachfolgenden Auf-
hängung im Flugzeug geboten, damit sich durch mechanische Beeinflussung . des
Instruments die Einstellung nicht ändert. An Tagen mit starker Strahlung, an
denen die Lufttemperatur im Freien schnellen Schwankungen ausgesetzt ist,
empfiehlt es sich, die Basiseinstellung im geschlossenen gleichmäßig temperierten
Raum vorzunehmen und den Bodenwert der Lufttemperatur durch gehäufte
Messungen mit dem Aspirationspsychrometer beim Abflug zu bestimmen.