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Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, April 1893.
Die Zähigkeit oder „innere Reibung“ der Flüssigkeiten muß von deren
Oberflächenspannung durchaus unterschieden werden, wenn auch beide Er-
scheinungen aus der „Kohäsion‘“ entspringen. Die Zähigkeit besteht in dem
Widerstande der Theilchen gegen eine Verschiebung derselben aneinander.
Wird die Flüssigkeit durch Erkalten vollkommen starr, so ist die innere Reibung
unendlich grofs geworden. Dieser Zustand wird jedoch im Allgemeinen noch
nicht bei der Schmelztemperatur, sondern erst bei tieferer Temperatur erreicht,
da auch feste Körper zunächst noch einige Verschiebbarkeit der Moleküle be-
sitzen. Von der Zähigkeit der Flüssigkeitsmasse selbst unterscheidet man seit
Plateaus Untersuchungen noch diejenige des Oberflächenhäutchens, die so-
genannte „Oberflächenzähigkeit‘“, über die allerdings nur wenige Unter-
suchungen vorliegen. Dieselbe soll bei manchen Flüssigkeiten, wie Wasser und am
extremsten bei Saponinlösungen, gröfser, als die Zähigkeit des Innern, bei anderen,
z. B. Alkohol und Terpentinöl, kleiner als diese sein.!) Die große Oberflächen-
zähigkeit des Seifenwassers und der benutzten Tinten zeigt sich durch die oben
geschilderte Bildung von beinahe starren Schollen bei der Ausbreitung dieser
Flüssigkeiten auf Wasser. Die Scholle besteht offenbar nur aus zwei „Grenz-
schichten“, ohne freie Flüssigkeit dazwischen, welche Annahme auch von Sohncke
u. A. für die Oelhäufchen im Momente ihres Zerreifsens gemacht und der Berechnung
der Wirkungssphäre der Molekularkräfte zu Grunde gelegt wird.
Soviel Bestimmungen der inneren Reibung der Flüssigkeiten auch bereits
gemacht sind, so fehlt es doch an solchen über Oele und Seifenwasser noch fast
ganz. Denn die meisten Forscher haben in dieser Richtung nur solche Körper
geprüft, deren chemische Natur eine völlig bestimmte, einheitliche ist, während
Oele und Seifen Gemenge verschiedener chemischer Verbindungen sind. Die
beiden einzigen Bestimmungen, welche ich finden konnte, gehen außerordentlich
weit auseinander, nämlich, in CGS-Einheiten, x» = 0,01865 für Terpentinöl nach
König (Wied. Ann. 25, S. 618) und % = 3,08 für Rüböl bei ungefähr derselben
Temperatur von 12° C nach O0. E. Meyer (Wied. Ann. 32, S. 656). Auf eine
Anfrage, welche ich daraufhin an den Verfasser des Artikels „Reibung“ in
Winkelmann’s neuem Handbuch der Physik, Herrn Dr. Graetz in München,
richtete, erhielt ich die Antwort, dafs diese Zahlen allerdings überraschend weit
auseinandergingen, ihrer Gröfsenordnung nach aber richtig sein müfsten, und
dafs es dem genannten Herrn nur noch für Olivenöl gelungen sei, eine Angabe
von Reynold’s in Phil. Trans. 177 zu finden, welche für 12°C % = 2,818 er-
giebt, also eine Zäbigkeit, die jener des Rüböls nahe steht. Für Wasser ist %
bei 12° C = 0,012 (im Innern). Im Artikel „Oel“ von Meyer’s Konversations-
Lexikon finde ich die Angabe: „bei 15° C ist Ricinusöl 203 Mal, Olivenöl 21,6 Mal,
Rapsöl 18 Mal, Mandelöl 16,6, Mohnöl 13,6, Wallnufs- und Leinöl 9,7 Mal dick-
Aüssiger als Wasser.“ Herr Dr. Graetz vermuthet, daß diese Zahlen aus einem
technischen Handbuch stammen und sich auf den Schmierwerth der Oele beziehen.
Da Terpentinöl mindestens ebenso gute Dienste in der Beruhigung von Wellen
geleistet hat, wie Rüböl und Olivenöl, so ist es wahrscheinlich, dafs die Zähig-
keit bei dem Vorgang überhaupt nicht in Betracht kommt,
Sollte bei der Beruhigung der See die Zähigkeit der Oele eine günstige
Rolle spielen, was immerhin nicht ausgeschlossen ist, so würde doch auch
in dieser Hinsicht wahrscheinlich Seifenwasser ihnen vortheilhaft zur Seite
stehen. Denn in diesem Falle sind die Erfordernisse an das Beruhigungsmittel
wahrscheinlich dieselben, wie zur Blasenbildung: möglichst große Zähigkeit
bei möglichst geringer Oberflächenspannung. Ist die Spannung grofs, so duldet
die Flüssigkeit diese Vergrößerung ihrer Oberfläche nicht, sondern rundet sich
rasch zu Tropfen ab. Bekanntlich schäumt fettiges Wasser viel leichter als
reines, seifiges am leichtesten, und sind von gewissen Seifenarten Blasen von
aufserordentlichen Dimensionen zu erhalten. Man darf vermuthen, dafs dieselben
Recepte, welche die besten Seifenblasen geben, auch die besten Beruhigungsmittel
für die See liefern werden. Näheres hierüber hoffe ich ein anderes Mal mit-
theilen zu können.
1) Nach Oberbeck, Wied. Ann. 11, S. 645, zeigt eine ölbedeckte Wasseroberfläche nahe
dieselbe Zähigkeit wie eine freie, und ist die Zähigkeit des Terpentinöls im Innern zwar doppelt
50 grofs, an der Oberfläche aber nur etwa dieselbe, wie die des Wassers.