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29./30. Jahresbericht des Deutschen Hydrographischen Instituts 1974/75
Der Fachgebietsleiter war maßgebend an der Abfassung des GESAMP *)-Doku
ments „Scientific Criteria for the Selection of Sites for Dumping
of Wastes into the Sea" beteiligt (erschienen 1975 als Nr. 3 der „Reports and
Studies" der GESAMP). Er erarbeitete ferner eine offizielle Stellungnahme des
Internationalen Rates für Meeresforschung (ICES) zum Einbringen von Rot
schlamm aus der Bauxit-Produktion und von sauren Abwässern aus der Titandio
xid-Produktion (veröffentlicht als Co-operative Research Report No. 50 des ICES).
Seit Mai 1969 werden Abfälle des Titandioxid-Werkes bei Nordenham
(Wesermündung) mit Spezialtankschiffen in ein 12 bis 17 Seemeilen nordwest
lich von Helgoland gelegenes Gebiet transportiert und dort in das Schrauben
wasser der Tankschiffe eingeleitet. Es handelt sich um täglich 1 800 t Abwässer
mit einem Wassergehalt von 10% Schwefelsäure und 14 % Eisensulfat. Wie in
den Vorjahren wurde vom DHI untersucht, ob durch die Abwässer irgendwelche
Schäden im Meer entstehen können: Im Mai 1974 und im August 1975 wurden auf
jeweils zehntägigen Meßfahrten mit dem VFS „Gauß" insbesondere die Säure
konzentration (pH-Wert) überwacht. Im Mai 1974 wurde im Einbrin
gungsgebiet sowie in dessen Umgebung ein Fleck mit etwas erniedrigtem pH-
Wert gefunden (A pH = 0,05 bis 0,1). Demgegenüber war im August 1975 wegen
der relativ großen natürlichen pH-Unterschiede in der Deutschen Bucht (durch
Aufbau und Abbau organischer Substanz) der Einfluß der Abfallsäure nicht zu er
kennen.
c) Überwachung der Sauerstoff-Konzentration und der Verschmutzung durch
Phosphate etc.
Im Wasser der Ostsee tritt immer wieder, vor allem in den Sommermonaten, be
drohlicher Sauerstoffmangel auf. Dabei kommt es zu einem Massen
sterben von Fischen und anderen Meeresorganismen. Als weitere Folge des
Sauerstoffmangels entsteht in den tieferen Schichten der Ostsee Schwefel
wasserstoff, der ein äußerst starkes Gift für fast alle Organismen dar
stellt. In neuerer Zeit hat man auch in der Nordsee, vor allem in der Nähe von
Flußmündungen, akuten Sauerstoffmangel beobachtet. Vor der holländischen
Küste sind dadurch große Muschelkulturen vernichtet worden. Die wichtigste
Ursache für den Sauerstoffmangel im tieferen Wasser ist — neben der horizon
talen Dichteschichtung in der Ostsee und in Flußmündungsgebieten —■ eine über
mäßig starke Zufuhr von Phosphaten, Nitrat usw. vom Land aus. Die
dadurch bewirkte Hypertrophierung führt zunächst zu einem stürmischen Auf
bau von organischer Substanz und anschließend, vor allem im tieferen Wasser,
zu deren Abbau, wobei der im Wasser gelöste Sauerstoff verbraucht wird. Da die
Verschmutzung von Nord- und Ostsee durch Phosphate usw. in den letzten 10
bis 20 Jahren stark zugenommen hat (z. B. durch Waschmittel), haben der Inter
nationale Rat für Meeresforschung (ICES) und die Kommission für die Helsinki-
Konvention die Überwachung der südlichen Nordsee und der Ostsee dringend
empfohlen. Dieser Empfehlung folgend hat das DHI im Jahre 1975 mit der Über
wachung der Deutschen Bucht und der westlichen Ostsee auf Phosphate und
Sauerstoff begonnen.
*) GESAMP: Joint Group of Experts on the Scientific Aspects of Marine Pollution, ge
bildet von Sachverständigen, die von IMCO, FAO, UNESCO (IOC), WMÖ, WHO,
IAEA und UN benannt werden