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27./28. Jahresbericht des Deutschen Hydrographischen Instituts 1972/73
Der Winter 1972/73 war im gesamten Nord- und Ostseeraum eisarm. Das Eis trat
an den Küsten der Bundesrepublik in der Zeit vom 22. Dezember 1972 bis 13.
Januar 1973 auf. Von der Vereisung waren nur der innere Teil des Wattengebie
tes, die Zuflüsse der Nordsee und die inneren Buchten an der westlichen Ostsee
küste betroffen. Die Kleinschiffahrt wurde kaum behindert.
In der Zeit vom 21. November 1972 bis 21. Mai 1973 wurden 121 gedruckte Eis
berichte und 35 gedruckte Eisübersichtskarten herausgegeben, in einer Auflage
von 350 Exemplaren. 231 telefonische und 3 fernschriftliche Eisauskünfte wurden
erteilt. Es erhielten zur Weiterverarbeitung: der Deutschlandfunk 7 Eisberichte
und das Seewetteramt Hamburg 60 Eiskarten der Seegebiete um Neufundland.
Der Austausch der Eismeldungen mit den von der Vereisung betroffenen Anlie
gerstaaten der Nord- und Ostsee verlief wie in den vorausgegangenen Jahren
reibungslos. Der Deutsche Wetterdienst übermittelte die Eismeldungen über das
Wetterfernschreibnetz und stellte die aufgenommenen Fotos der amerikanischen
Wettersatelliten zur Verfügung. Das Seewetteramt Hamburg beriet wie bisher den
Eisnachrichtendienst meteorologisch. Seit November 1972 werden mit einem lei
stungsstarken Bildfunkgerät ausländische Eiskarten empfangen.
b) Auswertung der Beobachtungen
Die Eisbeobachtungen des Nord- und Ostseeraumes wurden wie üblich in die
Eiskarten übernommen und die Satellitenaufnahmen, soweit großräumige Eisge
biete abgebildet sind, kartographisch ausgewertet. Die neuen amerikanischen
Satelliten NOAA-2 (Wettersatellit) und ERTS-1 (Erderkundungssatellit) liefern
durch ihre hochauflösenden Sensoren mehr Informationen über das Eisvorkommen
als die bisherigen Satelliten der ESSA-Serie. NOAA-2 (Auflösung von 1 km im
sichtbaren Bereich und thermischen Infrarot des Spektrums) ist wegen der tägli
chen tfberfliegung der Erde für operationelle Zwecke sehr gut geeignet, ERTS-1
(Auflösung von 100 m) dagegen besonders für wissenschaftliche Vorhaben.
Im Rahmen der Untersuchungen über die winterliche Abkühlungsgröße der Kieler
Bucht wurden anhand des Beobachtungsmaterials des ehemaligen Feuerschiffs
Kiel die vertikalen Wärmeflüsse an der Wasseroberfläche mit verbesserten Trans
portkoeffizienten neu berechnet. Es ist anzunehmen, daß dadurch eine engere
Beziehung zwischen der meteorologisch bedingten Abkühlung des Wassers und
dem tatsächlichen Wärmeverlust der oberen 15-m-Wasserschicht gefunden wird.
Die bisher noch offen gebliebene Frage nach dem Einfluß der Wasseradvektion
auf die Wärmebilanz ist Gegenstand einer im Dezember 1972 begonnenen, sich
über mehrere Winter erstreckenden ozeanographischen Untersuchung in der Kie
ler Bucht. Die in Zusammenarbeit mit der Abteilung Meereskunde auf der ersten
Untersuchungsfahrt mit dem VFS „Gauss" gewonnenen Beobachtungen liegen
aufbereitet vor.
Für die Unterläufe von Elbe und Weser wurde die winterliche Abkühlung anhand
langjähriger Beobachtungen der Wasser- und Lufttemperatur bestimmt. Nach den
bisherigen Ergebnissen kann die Eisbildung für den Raum Hamburgs und Bre
mens 4 Tage im voraus mit einer durchschnittlichen Abweichung von 1 bis 2 Ta
gen vorhergesagt werden. Durch Berücksichtigung weiterer meteorologischer Pa
rameter ist eine Verbesserung der Vorhersagemethode möglich.