Meereskunde
reagiert langsamer, aber auch nachhaltiger (slow
System). Besonders augenfällig war um 1975 die
„Große Salzgehaltsanomalie“. Eine Verminde
rung des Oberflächensalzgehalts Im Nordatlantik
wanderte in ca. 10 Jahren aus den Konvektions
gebieten nördlich Island rund um den Nordatlan
tik. Die Anomalie entstand um 1968 in den
Seegebieten nördlich Island, wanderte als Ver
minderung des Oberflächensalzgehaltes von ca.
0,1 um den Nordatlantik, durch die nördliche
Nordsee und in die nördliche Grönlandsee zu
rück. Dort reduzierte sie ab 1982 für knapp
10 Jahre die Produktion von Grönlandsee-Tiefen
wasser um 80%. Dies reduzierte anschließend
die Entstehung von Nordatlantischem Tiefenwas
ser erheblich (Abb. 25). Es war eines der stärk
sten Signale von großräumigen ozeanischen Ver
änderungen in der Neuzeit, vergleichbar mit dem
episodischen El Nino-Phänomen im äquatorialen
Pazifik. Aus geologischen Daten, die für Klimabe
trachtungen mangels realer Daten zur Konstruk
tion von Zeitreihen entsprechender Länge heran
gezogen werden müssen, sind solche, z. T. sogar
stärkere Schwankungen bekannt. Ein Zusam
menbruch der nordatlantischen Konvektion, und
damit der Produktion von Nordatlantischem Tie
fenwasser, würde das Konvektionsgebiet weit
südlicher in den Nordatlantik drängen. Seine wei
teren Auswirkungen sind im gesamten Weltozean
wiederzufinden. Sowohl die numerischen Model
le als auch geologische Daten zeigen, daß es
dann bei 54° N liegen würde. Damit wäre die
Versorgung Europas mit Wärme wesentlich be
einträchtigt. Dieser Zusammenbruch der nordat
lantischen Konvektion könnte zu einer Abkühlung
der Oberflächentemperaturen des Nordatlantiks
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um 6 °C führen, da die Advektion von warmen
Wasser aus dem Weltozean nach Norden unter
brochen würde. Damit hätten wir bei allgemeiner
globaler Erwärmung regional im Nordatlantik eine
beträchtliche Abkühlung. Sowohl geologische als
auch Untersuchungen mit gekoppelten Atmo-
sphären-Ozeanmodellen haben ergeben, daß die
ozeanische Zirkulation zwischen mehreren stabi
len Zuständen schwanken kann. Die Übergänge
zwischen den einzelnen Grundzuständen sind
schnell; wie schnell ist Gegenstand sowohl der
geologischen als auch der Klimaforschung.
Als einem der wichtigsten Gebiete der glo
balen ozeanischen Zirkulation kommt somit dem
Nordatlantik eine besondere Bedeutung zu. Wäh
rend wir in den Veränderungen der großräumigen
oberflächennahen Felder Schwankungen ihres
Antriebs erkennen können, stellen wir in den Ver
änderungen der tiefen Zirkulation die Folgen frü
herer Klimaschwankungen fest. Für die Einschät
zung, welche dieser Signale natürlich, welche
anthropogen sind, müssen verschiedene Wege
beschritten werden. Neben der Bestimmung des
oder der Grundzustände sind die Folgen der
Eingriffe des Menschen in das Klimasystem her
auszuarbeiten. Beides sind Gegenstand ver
schiedener globaler klimarelevanter Forschungs
programme. So hat TOGA (Tropical Ocean and
Global Atmosphere) erfolgreich die Ursachen des
El Niño im Pazifik beschrieben und liefert heute
zutreffende qualitative Vorhersagen. Das Welt
ozean-Zirkulationsexperiment WOCE wird nach
Abschluß Ende des Jahrzehnts den Grundzu
stand der derzeitigen ozeanischen Zirkulation be
schreiben können, entsprechende Zirkulations
modelle bereithalten und wesentlich zum