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Full text: Jahresbericht 1991

Meereskunde 
reagiert langsamer, aber auch nachhaltiger (slow 
System). Besonders augenfällig war um 1975 die 
„Große Salzgehaltsanomalie“. Eine Verminde 
rung des Oberflächensalzgehalts Im Nordatlantik 
wanderte in ca. 10 Jahren aus den Konvektions 
gebieten nördlich Island rund um den Nordatlan 
tik. Die Anomalie entstand um 1968 in den 
Seegebieten nördlich Island, wanderte als Ver 
minderung des Oberflächensalzgehaltes von ca. 
0,1 um den Nordatlantik, durch die nördliche 
Nordsee und in die nördliche Grönlandsee zu 
rück. Dort reduzierte sie ab 1982 für knapp 
10 Jahre die Produktion von Grönlandsee-Tiefen 
wasser um 80%. Dies reduzierte anschließend 
die Entstehung von Nordatlantischem Tiefenwas 
ser erheblich (Abb. 25). Es war eines der stärk 
sten Signale von großräumigen ozeanischen Ver 
änderungen in der Neuzeit, vergleichbar mit dem 
episodischen El Nino-Phänomen im äquatorialen 
Pazifik. Aus geologischen Daten, die für Klimabe 
trachtungen mangels realer Daten zur Konstruk 
tion von Zeitreihen entsprechender Länge heran 
gezogen werden müssen, sind solche, z. T. sogar 
stärkere Schwankungen bekannt. Ein Zusam 
menbruch der nordatlantischen Konvektion, und 
damit der Produktion von Nordatlantischem Tie 
fenwasser, würde das Konvektionsgebiet weit 
südlicher in den Nordatlantik drängen. Seine wei 
teren Auswirkungen sind im gesamten Weltozean 
wiederzufinden. Sowohl die numerischen Model 
le als auch geologische Daten zeigen, daß es 
dann bei 54° N liegen würde. Damit wäre die 
Versorgung Europas mit Wärme wesentlich be 
einträchtigt. Dieser Zusammenbruch der nordat 
lantischen Konvektion könnte zu einer Abkühlung 
der Oberflächentemperaturen des Nordatlantiks 
84 
um 6 °C führen, da die Advektion von warmen 
Wasser aus dem Weltozean nach Norden unter 
brochen würde. Damit hätten wir bei allgemeiner 
globaler Erwärmung regional im Nordatlantik eine 
beträchtliche Abkühlung. Sowohl geologische als 
auch Untersuchungen mit gekoppelten Atmo- 
sphären-Ozeanmodellen haben ergeben, daß die 
ozeanische Zirkulation zwischen mehreren stabi 
len Zuständen schwanken kann. Die Übergänge 
zwischen den einzelnen Grundzuständen sind 
schnell; wie schnell ist Gegenstand sowohl der 
geologischen als auch der Klimaforschung. 
Als einem der wichtigsten Gebiete der glo 
balen ozeanischen Zirkulation kommt somit dem 
Nordatlantik eine besondere Bedeutung zu. Wäh 
rend wir in den Veränderungen der großräumigen 
oberflächennahen Felder Schwankungen ihres 
Antriebs erkennen können, stellen wir in den Ver 
änderungen der tiefen Zirkulation die Folgen frü 
herer Klimaschwankungen fest. Für die Einschät 
zung, welche dieser Signale natürlich, welche 
anthropogen sind, müssen verschiedene Wege 
beschritten werden. Neben der Bestimmung des 
oder der Grundzustände sind die Folgen der 
Eingriffe des Menschen in das Klimasystem her 
auszuarbeiten. Beides sind Gegenstand ver 
schiedener globaler klimarelevanter Forschungs 
programme. So hat TOGA (Tropical Ocean and 
Global Atmosphere) erfolgreich die Ursachen des 
El Niño im Pazifik beschrieben und liefert heute 
zutreffende qualitative Vorhersagen. Das Welt 
ozean-Zirkulationsexperiment WOCE wird nach 
Abschluß Ende des Jahrzehnts den Grundzu 
stand der derzeitigen ozeanischen Zirkulation be 
schreiben können, entsprechende Zirkulations 
modelle bereithalten und wesentlich zum
	        
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