Meereskunde
Klimaschwankungen im Atlantik. Globale Zusammenhänge und
regionale Effekte
Im Klimasystem der Erde nimmt der Ozean
eine wichtige, wenn auch häufig unterschätzte
Rolle ein. Er speichert sehr viel Wärmeenergie
aus der Atmosphäre bei entsprechendem Ange
bot - also tagsüber und im Sommer - und gibt
sie wieder an die Atmosphäre ab, wenn dort
Nachfrage besteht - also nachts und im Winter.
Die große Wärmekapazität des Seewas
sers, also damit die Fähigkeit des Ozeans, Wär
me zu speichern, führt zu einer Verzögerung des
Jahresganges der Temperatur des Ozeans ge
genüber dem der Atmosphäre oder der Kontinen
te. Diese dämpfende Wirkung, auch „Moderator
funktion des Ozeans“ genannt, äußert sich indem
Begriff „maritimes Klima“ als Gegensatz zum
„kontinentalen Klima“.
Die Erwärmung des Ozeans führt in einer
dichten Kette von Prozessen zu einer engen
Kopplung des ozeanischen Geschehens an das
atmosphärische, und zu gegenseitiger Beeinflus
sung. Jede Erwärmung des Ozeans führt zu einer
gesteigerten Verdunstung - also einem Süßwas
serverlust -, die zu einer Zunahme des atmo
sphärischen Wasserdampfs führt und damit zu
erhöhter Wolkenbildung. Eine Veränderung der
Wolkendecke oder ihrer Zusammensetzung ver
ändert das Strahlungsgleichgewicht, welches
wiederum den Wärmeaustausch zwischen dem
Ozean und der Atmosphäre beeinflußt. Die hier
auf folgende Erwärmung des Ozeans führt zur
gesteigerten Verdunstung zurück und damit zu
weiterem Süßwasserverlust - es sei denn, es
kommt zu Niederschlägen - und schließlich zu
einer Zunahme des Salzgehaltes. Der Salzgehalt
aber hat einen entscheidenden Einfluß auf die
Dichteschichtung und damit auf den schichtungs
bedingten Teil der ozeanischen Zirkulation.
Die Abkühlung des Ozeans dagegen verrin
gert die Dichteschichtung und erleichtert tiefrei
chende vertikale Konvektion. Dabei wird Wärme
aus dem Ozeaninneren zur Oberfläche transpor
tiert, das Wasser in der Tiefe wird abgekühlt und
vergrößert seine Dichte. Veränderte Dichte
schichtungen jedoch resultieren in veränderter
ozeanischer Zirkulation.
Veränderungen der ozeanischen Zirkulation
beeinflussen den horizontalen ozeanischen Wär
metransport. Die Erwärmung der Ozeane ist am
Äquator, die Abkühlung in Polnähe am größten.
Nur für den Atlantik gilt dies nicht. Seine extreme
Nord-Süd-Ausdehnung, besonders in hohe nörd
liche Breiten, verursacht diese einzigartige Asym
metrie des meridionalen Wärmetransportes, bei
dem 1,2 PW (10 15 W) am atlantischen Äquator
nach Norden transportiert werden und in hohen
Breiten des Nordatlantiks an die Atmosphäre ab
gegeben werden. Dies zeigt sich in der asymme
trischen breitenabhängigen Temperaturvertei
lung, nämlich der Tatsache, daß bei gleicher
Breite Europa im Winter deutlich wärmer ist als
etwa Labrador. Europa verdankt sein milderes Kli
ma also dem Atlantik, und dessen Sonderrolle in
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