Orkan vom 14. Mai in Crossen und Umgebung.
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alg neun Schiffe von ihren Ankerplätzen und verloren, indem die Ketten sich
entschäckelten, ihre Anker, Unter Anderem verlor eine Französische Bark in
einer Nacht beide Buganker, ebenso ein Küstenfahrer beide Buganker und die
Heckvertäuungen, letztere sogar zweimal. An Bord von ED brach die
3/,zöllige Kette der Heckvertäuung, und wir gebrauchten zwei Tage, um den
Anker nebst 70 Fad, Kette wieder aufzufischen, obgleich ersterer mit einer
Boje versehen war und ich genau wußte, wie die Kette lag, Später stellte sich
auch noch heraus, dafs der Stock unseres einen Bugankers gebrochen und ver-
loren, der des anderen los war und sämmtliche Splinten wie abgemeifselt
schienen. Die Patentanker erwiesen sich in Antofagasta als sehr unzweck-
mäfsig. Meine zeigten sich beim Aufhieven in den einzelnen Theilen kaum noch
genügend sicher mit einander verbunden. Ich hatte nach der Anweisung des
Lotsen unser Schiff hinten mit der Täukette und 27m (15 Fad.) schwerer Kette
vertäut, Dies scheint mir aber wegen der oft ziemlich hohen See nicht genügend
zu sein. Aufserdem läuft fast immer eine starke Strömung, und die Kette hakt
infolge dessen leicht hinter einer vorstehenden Klippe, wodurch die Gefahr
eines Brechens derselben noch vergröfsert wird. Nach meiner Ansicht sollte
man hinten den Stromanker mit mindestens 54m (30 Fad.) schwerer Kette,
auf welcher zwei Parten der Täukette je von 54 m 0 Fad.) Länge geschäckelt
sind, aus haben. Auf das Zusammenschäckeln der Ketten ist ganz besondere
Sorgfalt zu verwenden.
Um das Herausfallen der Bolzen aus den Schäckeln zu verbindern, sollte
man schon vor dem KEinsegeln die gebräuchlichen hölzernen Pflöcke in den
Schäckeln durch gute eiserne ersetzen und diese auf beiden Enden vernieten,
Wenn solche eisernen Pflöcke nicht vorrätbhig eind, 80 ziehe man durch den
Holzpflock, der natürlich sehr gut sein muß, einen Drahtnagel und biege dessen
beide Enden um. Der Lotse kommt nicht eher an Bord, als bis man nahezu
80 weit ist, um den Anker fallen lassen zu müssen, und der Kapitän erfährt
deshalb, was er zur Sicherung der Schäckel und um die Anker nicht zu ver-
lieren hätte thun sollen, gewöhnlich erst, wenn das Schiff bereits vertäut ist.
Wenn ich noch hinzufüge, dafs in Antofagasta nicht einmal die verloren
gegangenen Anker durch andere ersetzt werden können, so wird man einsehen,
dafs die hier hervorgehobenen Uebelstände und die dadurch bedingten Vorsichts-
mafregeln wohl Beschtung verdienen.
Bericht über den Orkan vom 14. Mai in Crossen und Umgebung,
erstattet von Prof. Dr. W. Köppen, Meteorologe der Seewarte.!)
(Mittheilung von der Deutschen Seewarte,)
Hierzu Tafel 8.
A, Allgemeine Wetterlage.
Nachdem in der ersten Maiwoche Deutschland im Bereiche eines Gebietes
hohen Luftdruckes sich befunden hatte, nahm in den Tagen vom 8. bis 11. Mai
der Druck daselbst allgemein ziemlich rasch ab, blieb aber sehr gleichmäßig
und unregelmäfsig vertheilt; eine schwache nordwestliche Luftströmung waltete
in diesen Tagen vor mit meistentheils kühlem Wetter, bis im Laufe dea 11. Mai
1) In den Tagen vom 20. bis 24, Mai bereiste Prof, Dr. Köppen im Auftrage der Direktion
der Seewarte die vom Unwetter betroffene Gegend. Da schon am 17. bis 29. Mai ein Delegirter
des Königlich Preufsischen Meteorologischen Instituis == Herr Dr. Alsmann — in Crossen und
Umgebung Untersuchungen angestellt hatte und eine vollständige Verständigung mit demselben
erzielt wurde, so konnte Dr. Köppen sein Augenmerk vorwaltend auf die Verwüstungen in den
Wäldern und auf den weiteren, nordöstlichen Theil der Bahn richten, selbstverständlich ohne
die sich reichlich darbietende Gelegenheit zu Beobachtungen und Erkundigungen über das ganze
Phänomen zu versäumen.