nächste Kapitän schätzte an Deck mehr die vornehme Zurückhaltung und abends in
ausgewähltem Kreis flotte Feste mit den eingeschifften Damen. Den dritten Kapitän
zeichnete eine ausgeprägte pädagogische Ader aus. Das ungezwungene Benehmen der
damals zumeist auch recht wild aussehenden Wissenschaftler bot ein reiches Betätigungs-
feld. Ein besonderes Ärgernis stellten angebissene Butterbrote von nächtlichen Stärkun-
gen dar, die auf dem morgendlichen Inspektionsgang durch das Schiff gefunden wurden.
Ein zweiter Dollpunkt war das Erscheinen ohne Socken in der Messe, denn sie gehörten
zu der Minimalkleidung, die während der Mahlzeiten zu tragen war. Jeder Eintretende
wurde von dem scharfen Blick des Kapitäns gemustert. Hatte man die Socken vergessen
man trug sonst in der Äquatorhitze an Deck nur Turnhosen —, gab es kein Pardon,
man mußte umkehren. Die einzige Ausnahme von diesem strengen Gebot war zarten
Damenfüßen gestattet.
Jürgen Lenz
Hierzu ergänzend schreibt Wolfgang Roether:
Socken
Ich durfte seiner Erklärung hierzu beiwohnen, als wir auf dem 5. Fahrtabschnitt der
Reise 56, nach dem Auslaufen von Buenos Aires, die erste Fahrtleiterbesprechung
abhielten. Es gab viele Gründe, der Moral und der Ästhetik, und er erklärte sie alle. Nun
waren eine Reihe englischsprechender Fahrtteilnehmer, auch Frauen, unter uns, und
nachdem er geendet hatte, fiel mir die Aufgabe zu, seine Ausführungen ins Englische zu
übersetzen. Ich sah mich aber außerstande, seine Argumentation nachzuvollziehen. Bei
meinem normalen Umgang mit dem Englischen kommen solche Verästelungen nicht vor.
Deshalb wurde meine Übersetzung sehr kurz: „Master Feldmann just declared that
women are allowed into the mess without socks but men are not“. Lieber Walter
Feldmann, entschuldigen Sie, aber ich war überfordert.
Wolfgang Roether
Ratten
Befindet man sich auf hoher See fernab jedes Schiffsverkehrs und ist die tägliche
Arbeit durch die Aufeinanderfolge gleichartiger Stationen zur Routine geworden, wird
jede kleinste Abwechslung auf dem Schiff dankbar aufgenommen und entsprechend
gewürdigt. So auch auf einer Äquatorreise. Gähnende Gleichförmigkeit, als plötzlich
Leben ins Schiff kam. Jemand hatte nachts ein dunkles Tier übers Achterdeck laufen
sehen, wahrscheinlich eine Ratte. Zunächst wurde dieser Beobachtung jedoch wenig
Glauben geschenkt, denn die Festhalteseile waren im letzten Hafen wie immer mit
Rattenblechen versehen gewesen. Als in der übernächsten Nacht jedoch gleich zwei
Tiere gesehen wurden, begann die Sache schon brenzliger zu werden. Denn jeder weiß,
wie schnell sich Ratten vermehren können. Die nächsten Beobachtungen kamen aus dem
Vorschiff. Jedesmal nahm die Größe ein wenig zu, so daß es sich um außergewöhnlich
große Exemplare handeln mußte. Die unheimlichen Ratten beherrschten das Bordge-
spräch. Diejenigen, die wegen der Hitze nachts an Deck unter freiem Himmel zu
schlafen pflegten, machten sich Sorgen. Denn diesen Tieren ist ja alles zuzutrauen. Die
aufgestellten Fallen brachten keinen Erfolg, bis eines Tages der Hauptaufenthalt festge-
stellt werden konnte. Es war die Tischlerei, die über den Kettenkasten mit dem Vordeck
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