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Full text: Forschungsschiff Meteor 1964-1985

nächste Kapitän schätzte an Deck mehr die vornehme Zurückhaltung und abends in 
ausgewähltem Kreis flotte Feste mit den eingeschifften Damen. Den dritten Kapitän 
zeichnete eine ausgeprägte pädagogische Ader aus. Das ungezwungene Benehmen der 
damals zumeist auch recht wild aussehenden Wissenschaftler bot ein reiches Betätigungs- 
feld. Ein besonderes Ärgernis stellten angebissene Butterbrote von nächtlichen Stärkun- 
gen dar, die auf dem morgendlichen Inspektionsgang durch das Schiff gefunden wurden. 
Ein zweiter Dollpunkt war das Erscheinen ohne Socken in der Messe, denn sie gehörten 
zu der Minimalkleidung, die während der Mahlzeiten zu tragen war. Jeder Eintretende 
wurde von dem scharfen Blick des Kapitäns gemustert. Hatte man die Socken vergessen 
man trug sonst in der Äquatorhitze an Deck nur Turnhosen —, gab es kein Pardon, 
man mußte umkehren. Die einzige Ausnahme von diesem strengen Gebot war zarten 
Damenfüßen gestattet. 
Jürgen Lenz 
Hierzu ergänzend schreibt Wolfgang Roether: 
Socken 
Ich durfte seiner Erklärung hierzu beiwohnen, als wir auf dem 5. Fahrtabschnitt der 
Reise 56, nach dem Auslaufen von Buenos Aires, die erste Fahrtleiterbesprechung 
abhielten. Es gab viele Gründe, der Moral und der Ästhetik, und er erklärte sie alle. Nun 
waren eine Reihe englischsprechender Fahrtteilnehmer, auch Frauen, unter uns, und 
nachdem er geendet hatte, fiel mir die Aufgabe zu, seine Ausführungen ins Englische zu 
übersetzen. Ich sah mich aber außerstande, seine Argumentation nachzuvollziehen. Bei 
meinem normalen Umgang mit dem Englischen kommen solche Verästelungen nicht vor. 
Deshalb wurde meine Übersetzung sehr kurz: „Master Feldmann just declared that 
women are allowed into the mess without socks but men are not“. Lieber Walter 
Feldmann, entschuldigen Sie, aber ich war überfordert. 
Wolfgang Roether 
Ratten 
Befindet man sich auf hoher See fernab jedes Schiffsverkehrs und ist die tägliche 
Arbeit durch die Aufeinanderfolge gleichartiger Stationen zur Routine geworden, wird 
jede kleinste Abwechslung auf dem Schiff dankbar aufgenommen und entsprechend 
gewürdigt. So auch auf einer Äquatorreise. Gähnende Gleichförmigkeit, als plötzlich 
Leben ins Schiff kam. Jemand hatte nachts ein dunkles Tier übers Achterdeck laufen 
sehen, wahrscheinlich eine Ratte. Zunächst wurde dieser Beobachtung jedoch wenig 
Glauben geschenkt, denn die Festhalteseile waren im letzten Hafen wie immer mit 
Rattenblechen versehen gewesen. Als in der übernächsten Nacht jedoch gleich zwei 
Tiere gesehen wurden, begann die Sache schon brenzliger zu werden. Denn jeder weiß, 
wie schnell sich Ratten vermehren können. Die nächsten Beobachtungen kamen aus dem 
Vorschiff. Jedesmal nahm die Größe ein wenig zu, so daß es sich um außergewöhnlich 
große Exemplare handeln mußte. Die unheimlichen Ratten beherrschten das Bordge- 
spräch. Diejenigen, die wegen der Hitze nachts an Deck unter freiem Himmel zu 
schlafen pflegten, machten sich Sorgen. Denn diesen Tieren ist ja alles zuzutrauen. Die 
aufgestellten Fallen brachten keinen Erfolg, bis eines Tages der Hauptaufenthalt festge- 
stellt werden konnte. Es war die Tischlerei, die über den Kettenkasten mit dem Vordeck 
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