Das Erlebnis Antarktis
Die 56. Reise führte uns in die Antarktis. Sie war mit 202 Tagen die längste und
schönste Reise und für mich persönlich, ein Jahr vor meiner Pensionierung, ein schöner
Abschluß nach 44 Jahren Tätigkeit in der Seevermessung und Forschung. 1938 habe ich
meine berufliche Laufbahn in der Vermessung und Forschung bei der damaligen Kriegs-
marine auf dem Vorgänger der heutigen METEOR, dem Vermessungs- und Forschungs-
schiff „Meteor“ begonnen und diese Tätigkeit nach der Kapitulation beim DHI bis Juli
1982 fortgesetzt.
Auf der Fahrt in die Antarktis waren unsere Häfen im 1. Fahrtabschnitt Recife, Rio
de Janeiro und Montevideo. In Montevideo wurden die ersten Wissenschaftler und
Techniker ausgewechselt. Anschließend führte uns der Kurs zu den Falkland-Inseln und
weiter in die Antarktis. Das große Erlebnis „Antarktis“ begann schon für einen Großteil
der Besatzung und der Eingeschifften am 20. 11. 80 auf 54° 16’ Süd; 50° 11’ West mit der
Sichtung des ersten Eisberges. Wenn hier noch der Eisberg bewundernd auf vielen
Bildern festgehalten wurde, so wurde doch nachfolgend beim Passieren der vielen großen
und größten Eisberge sparsamer mit dem Ablichten umgegangen, da sonst das mitge-
führte Filmmaterial nicht ausgereicht hätte.
Die größten Tafeleisberge in der Wedell-See wurden mit 1850 m Länge, 1250 m
Breite und 55 m Höhe gemessen. Es war schon ein gewaltiges Erlebnis, wenn man mit
der METEOR entlang eines riesigen Eisberges steuerte und dabei dann auch noch zum
Greifen nahe an der Eiswand geologische Stationen manövrierte. Zum Glück brach bei
solchen Manövern kein Eisberg auseinander.
Das Bestreben der Biologen war es, die junge Brut nach dem antarktischen Winter
unmittelbar an der Eiskante einzufangen. So wurden die Stationen auch immmer so
gewählt, daß nach Möglichkeit das Schiff. für die Dauer der Station im freien Wasser
manövrieren konnte. Da bei einer Wassertiefe von 4—-5000 m eine Station mehrere
Stunden dauert und dabei der Wind innerhalb der Stationszeit seine Richtung ändern
kann, wurden wir häufig von kleinen und größeren Eisschollen eingeschlossen. So gesche-
hen, mußten wir uns in „Slalomfahrt“ wieder aus dem Eis befreien. Nicht immer ist das
ohne Schwierigkeiten abgegangen, so mußten wir nach einer Station fast zwei Tage und
Nächte in „Slalomfahrt“ uns vom eingeschlossenen Eis befreien. In solch einem Fall
haben wir, der I. Offizier und ich, an der Selbststeueranlage gestanden und so das Schiff
ohne Rudergänger gesteuert, da die fortlaufend zu ändernden Kurse dem Rudergänger
gar nicht angegeben werden konnten. Ein weiterer Schiffsoffizier mußte die abgelaufenen
Kurse mitkoppeln und dabei die Eisgrenze eintragen.
Da die METEOR nicht für die Eisfahrt gebaut ist und wir nicht die Grenze der
Möglichkeiten testen wollten, waren wir doch froh, als wir ohne Beschädigungen freies
Wasser erreicht hatten.
Der 1. Antarktisabschnitt endete mit dem Anlaufen von Punta Arenas/Chile durch
die Magellan-Straße. In Punta Arenas haben wir Weihnachten und Sylvester gefeiert.
Auch hier wurden wieder die Wissenschaftler und ein Teil der Besatzung ausgewechselt.
Wenn wir im 1. Antarktisabschnitt noch vorherrschend ruhiges und sonniges Wetter
mit angenehmen Temperaturen um 0 Grad hatten, so nahte doch schon im 2. und
3. Abschnitt der antarktische Winter. Die Nebeltage häuften sich und die Nächte wurden
wieder länger. Vorsichtig mußte dann zwischen den Eisbergen und großen Eisschollen
manövriert werden. Besonders gefährlich können dabei die „Growler“ (abgesprengte
und rund geschliffene Eisberge) werden, die schlecht oder gar nicht im Radar sichtbar
werden.
In einem unserer Arbeitsgebiete, nördlich der Insel „Elephant“ waren wir bei der
Verfolgung und Vermessung der Krillschwärme zeitweise von 30—40 russischen Fabrik-
schiffen umgeben. Für die Russen war unsere Anwesenheit insofern angenehm, da sie
wußten, daß bei uns der Krillschwarm war und sie selbst nicht mehr die Schwärme
aufsuchen mußten. Nicht gern gesehen war dagegen unsere Anwesenheit beim Einholen
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