Während bis in die dreißiger Jahre hinein die Seekarten überwiegend für den
Bedarf der Handelsschiffahrt hergestellt wurden, entstand mit der Wiedereinführung
der Wehrhoheit ein erhöhter Bedarf von Karten für die Marine. Nach der Bearbei-
tung der Vorlage für den Kupferstich dauerte die Ausführung des Stiches oft mehr als
ein Jahr. Um dem Kartenbedarf der Marine gerecht zu werden, wurden schon ab
1934 bei Firma Enderich neue Techniken angewandt, die darauf abzielten, den
Herstellungszeitraum von Kartenoriginalen zu verkürzen. Für ca. 10% aller neuen
Karten wurden bei Enderich Originalzeichnungen auf kreidiertem Karton im Maß-
stab 1 : 1 gefertigt. Mit Hilfe eines verdichteten Gitters von blauer Tusche auf Karton
wurden die Grundlagen übertragen und sofort auf den Karton mit speziell angeriebe-
ner chinesischer Tusche die Reinzeichnung ausgeführt. Diese Originalherstellungs-
methode, die die redaktionelle kartographische Bearbeitung und die Reinzeichnung
in einem Arbeitsgang vereinigte, erforderte besonders erfahrene Entwurfskarto-
graphen, die zusätzlich zu Spitzenleistungen in der Reinzeichnung fähig waren. Für
die Zeichnung der Karte Nr. 1181 im Maßstab 1 : 300 000 von Norwegen (Grundlagen
1: 50 000) wurden z. B. nur ca. 1200 Arbeitsstunden benötigt. In der photolithogra-
phischen Abteilung der Nautischen Abteilung, im Oberkommando der Kriegsmarine
(OKM), wurde von den Originalzeichnungen ein Diapositiv erstellt und auf photo-
lithographischem Wege auf eine Aluminiumplatte zum Druck kopiert. War die Kor-
rekturerwartung zu diesen Karten sehr hoch, wurden diese Photolithographien auf
Stein umgelegt. Die Korrekturfähigkeit des Lithographiesteines war besser als die
der Aluminiumplatte, da er sich besser bezeichnen ließ. Außerdem konnte man vom
Lithographiestein höhere Auflagen drucken als von der empfindlichen Aluminium-
platte.
Ab 1938 wurden die Originalzeichnungen bei der Firma Enderich teilweise auf
Folie mit folienanlösender Tusche ausgeführt. Diese PVC-Folie war dem heutigen
Astralon oder Sicoprint sehr ähnlich, besaß jedoch nicht deren heutige Maßhaltig-
keit. Auch war das Zeichnen mit der folienanlösenden Tusche noch relativ schwierig,
da sie zu schnell verdickte. Diese Methode hatte jedoch den Vorteil, daß die Rein-
zeichnung etwas schneller zu bewerkstelligen war und diese transparente Zeichnung
direkt für die Plattenkopie genutzt werden konnte, ohne den Weg der Photolithogra-
phie zu beschreiten. Außerdem ließen sich auf der Folie mit einem Schaber leichter
Korrekturen ausführen als auf dem Stein oder der Aluminiumplatte.
Im Jahre 1944 wurde das deutsche Seekartenwerk und die bei der Firma Reimer
lagernden Platten und Lithographiesteine nach Kaufbeuren in Bayern verlegt, um
der Zerstörung durch Luftangriffe auf Berlin zu entgehen.
Alle Mitarbeiter der Firmen Enderich, Reimer und Ratthei aus Berlin wurden in
die Nautische Abteilung des Oberkommandos der Marine (OKM) eingegliedert. Es
gab sieben Kartengruppen, in denen die neuen Originale entstanden, und ca. zehn
Mitarbeiter in der Technik, die für die Berichtigung der Kupfer- und Aluminiumplat-
ten sorgten. In Kaufbeuren waren außerdem eine Galvanoplastik, Reproduktions-
fotografie und Kopie sowie eine Druckerei vorhanden. Firma Reimer wurde mit ca.
zehn Stechern in dem kleinen Ort Wiesenhofen, 5 km südlich von Kaufbeuren,
untergebracht. Firma Ratthei war in Kaufbeuren mit 10 Stechern. Neue Karten
entstanden in den Kartengruppen nun ausschließlich durch Zeichnung auf Folie.
Umfangreiche Berichtigungen der besonders fortführungsanfälligen Karten der deut-
schen Nordseeküste im Bereich der Weser, Jade und Elbe wurden wie folgt ausge-
führt:
Nur das relativ unveränderliche Landgebiet lag auf Kupfer gestochen vor. Von
dieser Platte wurde ein Andruck auf Karton ausgeführt, in den der Kartograph das
veränderte Tiefenbild mit Tusche in Reinzeichnungsqualität aus den Grundlagen
übertrug. Die so entstandene neue Ausgabe wurde auf photolithographischem Wege
entweder auf Lithographiestein oder auf Aluminiumplatte gelegt. Bei der nächsten