Im Juni 1875 erfolgte die Berufung des Fachkartographen A. Welcker. Prägend
für das entstehende deutsche Seekartenwerk war auch die Entscheidung, anstelle des
im letzten Jahrzehnt bevorzugten lithographischen Verfahrens wieder den Kupfer-
stich und den Originalkupferdruck einzuführen. Bis 1885 bestand das kartographische
Personal nur aus einem leitenden Kartographen — A. Welcker — und vier weiteren
Fachkräften. Aus dem Hydrographischen Bureau wurde 1879 das „Hydrographische
Amt der Admiralität“. 1893 erfolgte die Änderung der Bezeichnung in „Näutische
Abteilung des Reichs-Marine-Amts‘“,
Bis 1882 waren die notwendigsten deutschen Seekarten der Ostsee mit dem
Sund und den Belten, der Nordsee und eine Übersichtskarte des Englischen Kanals
- im ganzen 44 Seekarten — erschienen.
In den Jahren 1891 bis 1898 wurden von der Marine Vermessungen an den
Küsten des ostafrikanischen Schutzgebietes und Kameruns, im Bismarck-Archipel
und Kaiser-Wilhelm-Land sowie an der Küste Deutsch-Südwestafrikas ausgeführt.
Die Kartierung des eingehenden Vermessungsmaterials erforderte eine Vermehrung
des kartographischen Personals, das infolgedessen in den Jahren 1893 bis 1895 auf
neun, 1896 auf elf erhöht wurde. Das kartographische Ergebnis der Vermessungsar-
beiten waren 9 neue Seekarten der westafrikanischen Küsten, 8 Karten der Küsten
des Bismarck-Archipels und von Kaiser-Wilhelm-Land und 14 Karten von Deutsch-
Ostafrika.
Nach dem Tode A. Welckers lag die technische Leitung der kartographischen
Veröffentlichungen der Nautischen Abteilung von 1888 bis 1899 in den Händen des
kartographischen Dirigenten Mayr, der besonders auf die Seekarten der deutschen
Schutzgebiete stilbestimmenden Einfluß ausgeübt hat. Nach dem Tode Mayrs ging
die Leitung auf den aus der Schule von Welcker hervorgegangenen Kartographen
Ministerialamtmann Rechnungsrat L. Schmidt über, Er war bemüht, für alle Karten
einen einheitlichen Stil in Inhalt und Form durchzuhalten. Hohe Anforderungen an
Stich und Druck trugen wesentlich zur plastischen Wirkung der Karten bei.
Seit der Gründung des Seekartenwerkes waren bis 1899 insgesamt 220 Seekarten
veröffentlicht worden. Hiervon waren jedoch im Laufe der Jahre 82 Seekarten
veraltet oder durch neue ersetzt worden, so daß 1899 tatsächlich 138 deutsche Seekar-
ten im Gebrauch waren — in Anbetracht der geringen personellen und sachlichen
Mittel eine beachtliche Leistung. Als Beweis für den schon damals hohen Stand der
deutschen Seekartographie wurde aus Anlaß der 125. Wiederkehr der Gründung des
deutschen Seekartenwerkes vom DHI die historische Seekarte Nr. 67 „OST-SEE,
DER KIELER HAFEN“, 1881 herausgegeben vom Hydrographischen Amt der
Kaiserlichen Marine in Berlin, faksimile nachgedruckt.
Bis zur Jahrhundertwende waren sowohl die deutsche Kriegsmarine als auch die
Handelsschiffahrt für die außerheimischen Gewässer auf fremde Seekarten angewie-
sen, vorwiegend auf britische und amerikanische. Eine solche Abhängigkeit war mit
erheblichen Nachteilen verbunden und daher nicht vertretbar. Hinzu kam, daß die
„machtvoll aufblühende Handelsschiffahrt“ den Ausbau des deutschen Seekarten-
werkes auf außerheimische Gewässer forderte.
Daher brachte der Staatssekretär im Reichs-Marine-Amt, Admiral von Tirpitz,
im Jahre 1900 im Reichstag eine Vorlage für eine Erweiterung des Seekartenwesens
ein, die vom „Deutschen Nautischen Verein“ unterstützt wurde. Der Reichstag
bewilligte 1902 für den Ausbau des Seekartenwerkes in den nächsten zehn Jahren
2 Millionen Mark. Hierzu wurden die Meere und damit die Kartographie in 5 Gebiete
(Arbeitsgruppen) eingeteilt; der Personalstand wurde wesentlich erweitert. Der bis-
herige. kartographische Leiter behielt die technische Gesamtleitung, während die
5 Gruppen älteren Kartographen, z. T. noch aus der Welckerschen Schule. unterstellt
wurden.