„Nachrichten für Seefahrer“ und Seewarndienst
Die nautischen Gegebenheiten im Küstenbereich und in den vorgelagerten Ge-
wässern werden sowohl durch Naturgewalten als auch durch Menschen beeinflußt.
Heftige Strömungen, Sturmbrandung, Vulkanismus, Korallenwuchs usw. bewir-
ken vielerorts Veränderungen des Meeresbodens und damit der Wassertiefen. Das
Bild der Küste und ihrer Vorfelder ändert sich ferner durch die Errichtung von
Seezeichen und Plattformen für die verschiedensten Zwecke, den Bau neuer Hafen-
anlagen, durch Baggerungen, die Bebauung des Küstenlandes und Maßnahmen an
bestehenden Navigationseinrichtungen. Seebücher nautisch-hydrographischen In-
halts und Seekarten müssen daher laufend berichtigt werden, um ihren Wert für die
Schiffsführung zu behalten. Die amtliche Hydrographie hat deshalb ein nautisches
Nachrichtensystem aufgebaut, dessen Aufgabe die Sammlung und Verbreitung nau-
tisch-hydrographischer Veränderungsmitteilungen ist.
Zur Information des seinerzeit starken seemännischen Bevölkerungsanteils der
deutschen Küstenländer veröffentlichten bereits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhun-
derts zahlreiche Zeitungen für ihren lokalen Bereich die Errichtung und Änderung
von Seezeichen sowie das Auftreten von Wracken und anderen Schiffahrtshindernis-
sen als Bekanntmachungen für Seefahrer. In der preußischen Marine gingen diese
Anfänge eines nautischen Nachrichtendienstes auf das Jahr 1849 zurück. Seit diesem
Jahr wurden aus allen zur Verfügung stehenden Veröffentlichungen und Meldungen
bei Bedarf gedruckte sogenannte „Hydrographische Nachrichten“ für die Schiffe der
Königlichen Marine herausgegeben sowie an das Königlich Preußische Handelsmini-
sterium und an andere Behörden der deutschen Seeuferstaaten versandt. Nachge-
druckt erschienen sie dann zur Unterrichtung der Kauffahrteischiffahrt zum Beispiel
regelmäßig in der „Hamburger Börsenhalle“ und in der Stettiner „Ostsee-Zeitung“.
Die Aufgabe, alle nautischen Mitteilungen zu sammeln und. nach Auswertung
als „Hydrographische Nachrichten“ bekanntzugeben, ging 1861 unmittelbar auf das
neu gegründete Hydrographische Bureau über. Im März 1869 ersetzte man die
„Hydrographischen Nachrichten“ durch die „Nachrichten für Seefahrer“, die zu-
nächst als lose Beilage zu der Berliner Wochenzeitschrift „Preußisches Handels-
Archiv“ erschienen. Da aber diese Zeitschrift in den Kreisen der Reeder und Kapi-
täne wenig bekannt war, blieb die Verbreitung gering. Erst nachdem die „Nachrich-
ten für Seefahrer“ vom 1. Juli 1870 ab als preiswertes Beiblatt zum Marineverord-
nungsblatt und später zu der Zeitschrift „Annalen der Hydrographie und der mariti-
men Meteorologie“ — dem seinerzeit gemeinsamen Organ des Hydrographischen
Bureaus und der Deutschen Seewarte — veröffentlicht wurden, stieg die Verbreitung
und ließ bessere Wirkung erkennen. ;
Seit dem Jahre 1883 erscheinen die „Nachrichten für Seefahrer“ wöchentlich als
selbständige, vom hydrographischen Dienst herausgegebene Veröffentlichung in
Heftform. Zur leichteren Berichtigung der Unterlagen an Bord werden unter jeder
Mitteilung die jeweils betroffenen Seekarten und -bücher aufgeführt. Dabei sind für
jene Seegebiete, für die keine deutschen Karten und Bücher zur Verfügung stehen,
ausgewählte fremdländische (zumeist britische) Veröffentlichungen berücksichtigt,
so daß man von einem weltweiten nautisch-hydrographischen Nachrichtendienst
sprechen kann.
Zwischenzeitlich mußten allerdings auch Einschränkungen hingenommen wer-
den. Zwar bestand nach Kriegsende 1945 Einigkeit darüber, daß die „Nachrichten
für Seefahrer“ wegen ihrer besonderen Wichtigkeit für die Schiffahrt möglichst ohne
größere zeitliche Unterbrechung wieder herausgegeben werden müßten, infolge der
politischen und wirtschaftlichen Veränderungen war jedoch eine vorübergehende
Beschränkung auf die deutschen Küstengewässer unausweichlich. So erschien die
erste Nachkriegsausgabe der „Nachrichten für Seefahrer“ bereits im Oktober 1945.