4. Untersuchungen zur Nord- und Ostsee und deren Küsten 37
b) Eine Änderung des hydrologischen Zyklus hat über Änderungen des Salzgehalts und damit des
Ozeanvolumens Auswirkungen auf den Meeresspiegel.
c) Veränderte Ozeanströmungen als auch Änderungen des Salzgehaltes und der Temperatur können
regional eine Meeresspiegeländerung bewirken.
d) Das Abschmelzen von Landgletschern hat einen Anstieg verfügbaren Wassers im hydrologischen
Kreislauf zur Folge, wodurch letztendlich der Meeresspiegel erhöht wird.
e) Schmelze und Abbruch antarktischer Festlandseismassen erhöht die Wassermasse im Ozean. Hier-
bei ist vor allem die Dynamik aufschwimmender Eismassen am Schelfrand noch sehr unsicher und
lässt sich zumindest im globalen Maßstab durch Eismodelle im Moment nur unzureichend be-
schreiben.
f) wie e), nur für Grönland statt der Antarktis.
g) Die Ausgleichsbewegung der Erdkruste nach dem letzten glazialen Maximum hat eine Änderung
des relativen Meeresspiegels zur Folge. Diese Ausgleichsbewegung ist besonders auf der Nordhalb-
kugel wegen der dortigen stärkeren Vergletscherung während der letzten Eiszeit spürbar und kann
regional sowohl zu einem stärkeren relativen MSA (wie für die südliche Nordsee) als auch zu einer
Abschwächung oder sogar zu einer Umkehr des relativen MSA (nördliche Ostsee) führen. Für das
hier interessierende Gebiet der Nord- und Ostsee ist diese Ausgleichsbewegung nur schwer abzu-
schätzen, da sie stark von der jeweiligen Lage der vermuteten damaligen Grenze der größten Eisaus-
dehnung abhängt und sich hier die Modelle besonders stark unterscheiden.
h) Landhebungen und Landsenkungen lokalen oder regionalen Ursprungs, wie z. B. verursacht durch
Entwässerungsmaßnahmen, führen zu einer Änderung des relativen Meeresspiegels.
Aus der obigen Aufzählung wird ersichtlich, dass der MSA von vielen Faktoren abhängig ist, wobei der
wichtigste der vergangenen Jahrtausende die Erwärmung der Atmosphäre und des Ozeans seit dem Höhe-
punkt der letzten Eiszeit darstellt.
Während für das vorige Jahrhundert etwa 50 % des Meeresspiegelanstiegs auf die Dichteänderungen des
Wassers im Ozean zurückzuführen sind, wurde um etwa das Jahr 2005 herum dieser Effekt durch den der
Änderungen der Eismassen als Haupttreiber des Anstiegs abgelöst (Slangen et al. 2017). Zurzeit sind die
Beiträge der Landgletscher zum Meeresspiegelanstieg noch größer als die von Grönland und der Antarktis,
da sie zumeist in wärmeren Klimazonen liegen (Gregory et al. 2013). Es wird erwartet, dass in näherer
Zukunft der Beitrag von Grönland und (in fernerer Zukunft) derjenige der Antarktis stärker ansteigen wird.
Das verstärkte Abschmelzen der Eismassen wird zu einer Beschleunigung des MSA führen.
In der Nordsee lag der regionale MSA im 20. Jahrhundert bei etwa 1,7 mm/a (Jensen et al. 2014) und damit
etwas höher als für das globale Mittel. Dies ist hauptsächlich auf die isostatische Landsenkung im Bereich
der Nordsee zurückzuführen.
4.4.2 Szenarien des globalen Meeresspiegelanstiegs
Globale Klimamodelle sind in der Lage, den Effekt von Temperatur- und Salzgehaltsänderungen, der Oze-
andynamik (beispielsweise veränderten Strömungen) und des hydrologischen Zyklus auf den Meeresspie-
gelanstieg plausibel abzubilden (obige Faktoren a 3 c). Allerdings können die Klimamodelle die Änderung
der Eismassen sowohl an Land als auch in der Arktis und Antarktis aufgrund der zu groben Auflösung und
eines teilweise noch unzureichenden physikalischen Verständnisses nicht adäquat berechnen. Auch fehlt bei
den globalen Modellen eine Kopplung zwischen Landeis, Ozean und Atmosphäre. Diese ist aber für eine
realistische Modellierung der komplexen Eisdynamik notwendig. Daher nutzt man zurzeit noch Abschät-
zungen aus regionalen, hoch aufgelösten Eismodellen, die dann auf globale Verhältnisse für die oben er-
wähnten Faktoren d 3 f extrapoliert werden müssen. Die Unsicherheiten für diese Einflussfaktoren sind
daher verhältnismäßig hoch und nach Carson et al. (2016) in etwa in der gleichen Größenordnung wie die
oben erwähnten großen Unsicherheiten für die Ausgleichsbewegung der Erdkruste nach dem glazialen Ma-
ximum (obiger Faktor g).