332 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, November/Dezember 1918.
geschwindigkeit). Die für Lindenberg gefundene mittlere senkrechte Wind-
verteilung vorausgesetzt, nimmt diese Reibungsarbeit rasch mit zunehmender
Höhe. ab. Ihr Gesamtbetrag in der auf 1 cm? Boden aufstehenden Luftsäule
wird bei A = 50 906 Erg/cm? sek. Er ist proportional YA, ebenso der vor-
handenen lebendigen Kraft der Luftbewegung. Ein etwas anderer, in gewissem
Sinn allgemeinerer Ansatz liefert mit A = 20 in 50 m Höhe für die Schicht vom
Boden bis 9 m Höhe rd. 135, bis 100 m rd. 215 Erg/cm? sek.
Verbraucht wird diese Energie auf Arbeit gegen die stabile Lagerung
der Schichten, Der hierbei auf die einzelnen Teilchen entfallende Betrag läßt
sich nicht leicht rechnen, wohl aber jener, der den Weg durch die Erwärmung
und Ausdehnung ganzer Schichten nimmt. Für die untersten 200 m findet man
dafür rund über 7000 Erg/ecm? sek. Nimmt man A durchaus konstant an, so
wird in der Volumeinheit sekundlich die Energie AR Cr (R = Gaskonstante,
u = Temperatur) verbraucht; das tritt also vornehmlich an Knicken in der
Temperaturverteilung ein, wo unter Umständen auch Arbeit geleistet, statt ver-
braucht wird. Diese kann aber höchstens der ungeordneten Bewegung, nie der
geordneten zugute kommen.
Die bei mittlerer Windverteilung mögliche Arbeitsleistung bleibt schon
weit hinter dem Teil des durch stabile Lagerung verursachten Arbeitsverbrauchs
zurück, der allein gerechnet wurde.‘ Es müssen also die stets vorhandenen Wind-
schichtungen für den Umsatz an mechanischer Energie eine wesentliche Rolle
spielen, eine viel wesentlichere, als die mittlere Windverteilung. Wäre man im-
stande, alle Energie zu erfassen und zu untersuchen, bis zu welchen Abmessungen
herab die Verschiedenheiten der Bewegung im angedeuteten Sinn wirken, so
könnte man eine Grenze zwischen der geordneten Luftströmung und der die
Ursache der Scheinreibung in freier Luft bildenden ungeordneten Bewegung ziehen.
Wien, k. k. Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik,
Die Frage der Permanenz der Ozeane und Kontinente.
Von Dr. Bruno Schulz.
Die geologische Untersuchung des zutage tretenden oder durch Bohrungen
erschlossenen Teiles der festen Erdkruste hat nach Zusammensetzung und
Lagerung der Gesteine sowie nach aufgefundenen Spuren der zur Zeit der Ge-
steinsbildung lebenden Organismen ergeben, daß ein großer Teil der Erdober-
fläche im Verlaufe der geologischen Zeitalter einmal oder gar oft vom Meere
bedeckt gewesen ist. In zahlreichen Fällen ist einwandfrei nachgewiesen, daß
sich in verhältnismäßig junger, geologischer Zeit das geographische Kartenbild
von dem heutigen ganz wesentlich unterschied, indem z. B. der Nordasien vor-
gelagerte Schelf landfest war, ebenso hingen die britischen Inseln mit dem Fest-
Jand zusammen, usw. Selbst in historischen Zeiten haben noch sehr bemerkens-
werte Verschiebungen der Küstenlinie stattgefunden, z. B. an der deutsch-
holländisch-belgischen Nordseeküste, und auch jetzt noch lassen sich Hebungen
und Senkungen von kontinentalen Gebieten feststellen, die im Sinne einer Ver-
änderung des Küstenverlaufes wirken. Die genannten Veränderungen haben sich
alle innerhalb der Schelfregion vollzogen, jener große Teile der Kontinente bis
etwa 200 m Tiefe umrahmenden Zone, die wir als unterste, vom Meere über-
Autete Stufe der Kontinentaltafel auffassen. Meist erst jenseits der 200 m-Linie
erfolgt in dem Kontinentalabhang der steilere Absturz zur Tiefenregion, so daß
bei Betrachtung der Großformen der festen Erdoberfläche der Schelf mit zu den
Kontinentalgebieten zu rechnen ist. Dann stehen sich die Kontinentaltafel mit
35%, und die Tiefenregion mit 52%, der gesamten Erdoberfläche gegenüber,
beide sind durch den Kontinentalabhang verbunden. : Wenn also auch nach-
weislich der Küstenverlauf auf der Kontinentaltafel durchaus nicht beständig