180 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Oktober 1904.
Verfälschung der Waaren, wenn sie Gewürtz, Wein und andere Sachen im
Schiffe haben. Sie nehmen oft davon für sich soviel heraus zu eigenem Nutzen
und von den Geträncken sauffen sie sich voll und plumpen hernach Seewasser
wieder hinein zum großen Nachtheil des zuständigen Herren. Sie sündigen
Jamit nicht nur gegen das 7te Gebot, indem sie stehlen, sondern auch gegen
das Ste, da sie dem Nächsten an seinem Leibe Schaden und an der Gesundheit
‘hun! Denn es ist eine schreckliche Sünde, den Wein zu verfälschen (sehr
richtig, Herr Pastor!). Er wird ja auch des öfteren am Altar ausgeschenkt.
Ebenso bös aber ist es auch, wenn sie Gersten, Weizen und Habern im Schiffe,
wie Erbsen und Bohnen mit Seewasser begießen, damit es schwelle und die
Masse vergrößere. Dies ist denn auch mit großem Schaden für den Käuffer,
wann er das Getreide zu seinem Unterhalte braucht und entfindet, das heißt
nicht, liebe Deinen Nächsten als Dich selbst!“
Auch die Schiffherren sollen die Schiffahrt nicht mißbrauchen zum Geitz,
Wucher, Schinderey und übermäßigen Geldgewinn.
„Viel Leut werden gefunden, die wohl so viel gelernet, daß im Lande
bleiben und ehrlich und redlich sich zu Lande könnten ernähren, aber sie
können nicht zufrieden sein mit dem, was ihnen Gott zu Lande bescheeret,
lauffen derowegen zur See und wagen ihr Leib und Leben auf ein geringes
Holtz, bloss darumb, daß sie sich bereichen mögen. — Doch wie lange währet
es? In einem Nu können sie zu Grunde gehen und müssen oft sehen, wie es
30 garnichts sey, auf irdische Dinge bauen. Darumb gerecht ist der, welcher
einen Fuchsschwänzer, so ihn hoch rühmete, wie er so glückselig wäre, nicht
achtete solches Lobes, indem er so viele Schiff zur See hätte und giebet kurtze
and runde Antwort: „Nil moror felicitatem, de funiculis pendentem“. „Ich
achte nicht eine solche Glückseligkeit, die an bloßen Stricken hänget.“ Mit
welcher klugen Rede er hat andeuten wollen, daß die Schiffsgüter ungewiß und
des Glückes Unbeständigkeit unterworffen sind! Sie mißbrauchen auch die See-
fahrt, denn sie geben den neuen Schiffen abgöttische Namen. Damit folgen sie
aber den Heyden, denn es wird gemeldet, daß Pauli Schiff, mit dem er von
Alexandria ausfuhr, zum Panier gehabt,habe die Zwillinge, benahmentlich Castor
md Pollux, welche von den Heyden für Beschirmer der Schiffe sind aus-
geschrieen worden. Nicht unbillig hat Horaz gesungen:
„Der Schiffsherr, der zuerst zu schiffen sich begeben,
Und einem schwachen Holtz vertrauet hat sein Leben,
Der hat fürwahr gehabt ein Eysen-festes Hertz, _
Indem er hat beliebt sichtbare Noht und Schmertz!*
Viele Heyden hat es auch abgeschrecket und die Gelahrten beweget,
denkwürdige Sprüche von der Gefahr der Seefahrenden zu entwerffen. Bias
rechnete sie weder zu den Lebenden noch zu den Todten, weil sie gleichsam
balb todt und halb lebendig wären. Auch Seneca meint, ein Schiffsmann sey
zweiffelhafftig seines Lebens und Anacharsis hält sie nur für vier Finger breit
vom Tode entfernt!
„Anfänglich scheinet den Seefahrenden die Sonne, das Glück fuget ihnen,
sie seglen mit gutem Winde aus dem Hafen, es wird aber bald in ein Unglück
verkehret.“ — — —
Denn den Seekranken kömmt ihre Plage schwer an, dennoch schaffet sie
auch wieder großen Nutzen. Denn der Magen wird von allerhand zusammen-
gezogen Unverdaulichkeiten fein gesäubert, daß er hernachen wieder gut Speise
zu sich nehmen kann. Sie entsteht nu einmal aus dem Gestank des Meeres,
dessen unleidlicher Geruch bringet bey denen, die des Meeres ungewohnt sind,
einen Eckel und das Speyen. Darnach die stetige Bewegung des Leibes. Kin
gute Becher, halb mit Seewasser, halb mit gutem Rheinischen Weine angefüllet
und ausgetrunken, ehe man zu Schiffe gehet, soll dem Uebel wehren. — Die
Schiffer aber, die des Meeres Geruch nicht mehr achten, können den Toback
genießen, der sonst ein Gift ist, denn er ziehet die Feuchtigkeiten aus dem
Gehirn und machet es trokken und dürr, Aber da die Schiffsleut vieler phleg-
matischen Feuchtigkeiten teilhafftig sind, mögen sie ihn genießen. Sie haben
ja sonst wenig der Freuden, wie schon der Dichter saget: es wäre nichts