Dufek et al.: Trockenschwimmer oder Eintaucher .
Die Unterschiede zwischen der Geodäsie und Hydrographie werden aus den
historischen Anfängen deutlich: Die Geodäsie hört als Trockenschwimmer an
Land auf und beschränkt sich auf den sichtbaren Teil der Erde, also das Aus-
breitungsmedium Luft. Allerdings werden aus Wasserstandsmessungen Höhen-
bezüge abgeleitet. Es gibt somit einen Bezug zum Wasser, ohne jedoch einzu-
tauchen. Die Hydrographie hat geschichtlich einen engen Bezug zu der Seefahrt,
fokussiert sich ursprünglich auf Messungen im bzw. unter Wasser und setzt sich
als Eintaucher somit im klassischen Sinne mit Messungen im Medium Wasser
auseinander.
Beide Disziplinen sind eng miteinander verbunden und können nicht ge-
trennt betrachtet werden. Die Geodäsie benötigt das Wasser, um die Erde als
Ganzes zu erfassen. Die Hydrographie lebt von geodätischen Methoden. Beide
haben historisch eine Schnittmenge im Bereich der Astronavigation und Höhen-
bezüge. Die Hydrographie ist ein Zweig der Geodäsie (DIN 18709-3:2012-10),
der sich mit der Vermessung und Auswertung im Bereich von Gewässern be-
fasst. Mit der Zeit rückten sie näher zusammen, da auch der Übergang von Land
zu Wasser immer mehr an Bedeutung gewann, was unter anderem bedingt wur-
de durch die Intensivierung der Handelsschifffahrt, steigende Anforderungen
an wasserangrenzende Bebauung, Rohstoffgewinnung, und Küsten- bzw. Natur-
schutz.
Die Geodäsie und Hydrographie gehören zu den Ingenieur- und Geowis-
senschaften und sind stark mit anderen Disziplinen, wie der Physik oder der
Raumfahrtforschung, verknüpft. Ihre Entwicklung ist eng mit technischen und
wissenschaftlichen Fortschritten verbunden. Besonders die rasante technische
Entwicklung in den letzten Jahrzehnten führte dazu, dass ihre Definition und
Aufgaben erweitert bzw. angepasst wurden. Zu diesen Entwicklungen mit gro-
ßem Einfluss zählen unter anderem die satellitengestützte Vermessung (für die
Navigation und Schwerefeldmessungen), die Digitalisierung und der Fortschritt
im Bereich der Sensorik. Neben der Erfassung und Darstellung werden nun
auch die Verwaltung und Analyse der Daten als Aufgaben erfasst. Dies gilt nicht
mehr nur für allgemein räumliche Daten, sondern auch für dynamische Prozes-
se oder Zustände.
2 Rollen der Geodäsie in der Hydrographie
Durch die kontinuierlichen technischen Weiterentwicklungen wachsen die
Hydrographie und Geodäsie immer mehr zusammen —- die Grenzen zwischen
Trockenschwimmer und Eintaucher weichen auf. Vor allem der verstärkte Einsatz
von gleichen (bzw. adaptierten) Methoden und Sensoren in jüngster Zeit, lassen
sie zusammenwachsen. Ansätze und Kenntnisse aus der einen (Teil-)Disziplin
DVW-SCHRIFTENREIHE # Band 102/202
9 Wißner-Verla.