48 Schlussbericht des SP-108 Fokusgebiete Küsten, BMVI-Expertennetzwerk (2016–2019)
ihrer Reaktion auf einen Meeresspiegelanstieg erforderlich ist. Für die vorliegende Fragestellung im Unter-
suchungsgebiet sind demnach die Schelfmodelle von Ward et al. (2012) und Pickering et al. (2012) nur mit
Einschränkungen geeignet. Die Analysen dieser Studie beruhen auf der Annahme, dass die Deiche auch bei
hohen Meeresspiegelanstiegen nicht überflutet werden können. Des Weiteren wurde in diesen Simulationen
eine unveränderte Bathymetrie angenommen. Durch einen Anstieg des Meeresspiegels wird ein gewisses
vertikales Mitwachsen der Watten erwartet (Hofstede 2002, van Maanen et al. 2013). Welche Auswirkungen
ein alleiniger Meeresspiegelanstieg sowie in Kombination mit einer veränderten Bathymetrie im Wattenmeer
hat, wird im Kapitel 5.3.2, sowie ausführlich im Schwerpunkt Schiffbarkeit- und Wasserbeschaffenheit und in
Wachler et al. (2020) dargestellt.
5.3.2 Auswirkungen des Meeresspiegelanstiegs und einer möglichen topographischen
Änderung auf die Tidedynamik
In einer Pilotstudie wird die Reaktion der Tidedynamik auf den Klimawandel in der Deutschen Bucht un-
tersucht. Hierbei spielen der Meeresspiegelanstieg und die daraus resultierenden möglichen Änderungen der
Topographie eine große Rolle. Ebenso werden klimawandelbedingte Änderungen im Wind, Abfluss und
Salzgehalt berücksichtigt. Die für diese Untersuchung benötigten Randbedingungen werden im Experten-
netzwerk behördenübergreifend erstellt und gemeinsam ins Deutsche Bucht Modell der BAW eingesteuert
(vgl. Abbildung 4-1).
Die im Folgenden beschriebenen Erkenntnisse aus dem Expertennetzwerk bilden die Grundlage für die
Szenarienbildung der behördenübergreifenden Simulationen. Aus den Untersuchungen des BSH zur zu-
künftigen Entwicklung des Windes kann geschlossen werden, dass es in der Summe eines aktuellen Model-
lensembles keinen statistisch signifikanten Trend zu einer Verstärkung der Windgeschwindigkeiten gibt. Es
kann jedoch ein Trend zu verstärkt auftretendem Westwind beobachtet werden (Ganske et al. 2016). Zukünf-
tig wird außerdem mit einem beschleunigten Anstieg des Meeresspiegels zu rechnen sein (Church und White
2006, Holgate 2007, IPCC 2019). In Reaktion auf diesen wird sich die Topographie des Wattenmeers ver-
ändern. Bis zu einem gewissen Grad des Meeresspiegelanstiegs können die Wattflächen mitwachsen (Wachler
et al. 2020). Voraussetzung hierfür ist unter anderem eine ausreichende Sedimentverfügbarkeit.
Das Sediment kann aus den Rinnen, dem Ebbdelta, dem Küstenlängstransport oder dem Oberwasser der
Ästuare stammen. Eine ausführliche Beschreibung dieser Zusammenhänge ist im Schlussbericht Schiffbar-
keit- und Wasserbeschaffenheit (Nilson et al. 2020) zu finden. Aufbauend auf diesen Erkenntnissen werden To-
pographieszenarien entwickelt, die pro Meeresspiegelanstieg eine entsprechende Erhöhung der Watten an-
nehmen (siehe Tabelle 5-8). Dabei fällt die Erhöhung der Watten stets kleiner als der erwartete Meeresspie-
gelanstieg aus. Unter der Annahme, dass etwa 30-40 % des zur Watterhöhung benötigten Materials aus den
Rinnen stammt, werden die Rinnen entsprechend prozentual vertieft.
? Infolge eines Meeresspiegelanstiegs verstärken sich die Flut- und Ebbstromgeschwindigkeiten in
den Rinnensystemen des Wattenmeers. Dabei wird insbesondere die Flutstromgeschwindigkeit
erhöht, sodass es zu einem vergrößerten Verhältnis von Flut- zu Ebbstromgeschwindigkeiten
kommt. Infolgedessen wird der residuale Schwebstofftransport in Richtung Watt verstärkt.
? In der fernen Zukunft des Weiter-wie-bisher-Szenarios werden im Wattenmeer ein Aufwachsen der
Watten und eine Vertiefung der Rinnen erwartet. Die Untersuchungen zeigen, dass die Auswir-
kungen des Meeresspiegels durch die erwartete Topographieänderung in diesem Szenario größ-
tenteils kompensiert werden können. Im high-end-Szenario wird erwartet, dass das Wattwachstum
nicht in vollem Maße mit dem Meeresspiegelanstieg Schritt halten kann. Dies führt zu einem
Rückgang der Wattflächen, was wiederum Folgen für den Natur- aber auch für den Küstenschutz
haben kann. Ergebnisse der Untersuchungen werden im neuen BAW Bildatlas zu finden sein, der
Anfang 2020 veröffentlicht werden soll (BAW in Vorbereitung).