Wissenschaftsgespräch
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Hydrographische Nachrichten
»Seekarten sind nicht teuer.
Wir berücksichtigen nur den
Aufwand für die eigentliche
Herstellung der Karte, also
für die kartographischen
Arbeiten. Die eigentliche
Seevermessung fließt in die
Kalkulation gar nichr ein«
Thomas Dehling
einer Bachelor- oder Masterarbeit. Man muss sich
einfach nur bewerben. Eine E-Mail an mich oder,
besser noch, an den wissenschaftlichen Leiter ge
nügt. Entscheidend ist allerdings, rechtzeitig anzu
fragen. Einen Monat vorher
ist zu kurzfristig. Wir müssen
länger planen, um auch ei
nen Einsatz an Bord ermög
lichen zu können.
Sie sind Vermessungsdirek
tor. Was verbirgt sich hinter
der Bezeichnung?
Das ist eine Dienstbezeich
nung, die man heute gar
nicht mehr erlangen kann.
Wenn heute jemand meine
Aufgabe übernehmen wür
de, würde er Technischer Re
gierungsdirektor werden. Da klingt Vermessungs
direktor doch viel besser. Es handelte sich um eine
Laufbahn für Vermesser an einer Behörde, die es
aber heutzutage in dieser Form nicht mehr gibt. Es
fing mit dem Vermessungsrat an, dann folgte der
Vermessungsoberrat, dann der Vermessungsdirek
tor. Das ist durchaus vergleichbar mit den Dienst
graden bei der Bundeswehr.
Um was genau geht es beim Capacity Building,
das Sie bei der IHO vorantreiben?
Wir fördern weltweit die amtliche Hydrographie,
insbesondere in den Regionen, in denen die Län
der das nicht alleine können. Unsere Schwerpunkt
gebiete sind die Karibik, die Südsee und Afrika. Für
diese strategische Aufgabe der IHO haben wir
Geld, wir werben zusätzliche Gelder ein, versuchen
stetig den Capacity-Building-Fond zu erweitern.
Diese Gelder setzen wir ein, um Fortbildungen
durchzuführen, zum Beispiel Kurzeinweisungen,
einwöchige Kurse, bis hin zur Finanzierung eines
kompletten Studiums für ausgewählte Studenten.
Den Ländern, die noch keinen funktionierenden
Hydrographischen Dienst haben, statten wir Be
suche ab, sogenannte High-Level-Visits, um de
nen die Bedeutung der hydrographischen Arbeit
klarzumachen. Anschließend folgen technische
Besuche, bei denen wir gucken, wo sie stehen und
was sie im Detail brauchen. Unser Ansinnen ist, die
Aktivitäten möglichst aus den Regionen heraus zu
steuern. Dazu nutzen wir die Regionalkommissio
nen in der IHO, denn die Regionen wissen am bes
ten, was dort besonders gefordert ist.
Können Sie denn alles fördern, was die Regional
kommissionen sich wünschen?
In meinem Sub-Committee sind rund 30 Leute.
Jeder möchte natürlich sein Projekt durchbekom
men. Doch so viel Gelder stehen uns nicht zur
Verfügung. Deshalb müssen wir die Vorschläge
bewerten, wir müssen priorisieren. Das ist zwar
schwierig, aber gut, denn so setzen wir das Geld
für die wirklich wichtigen Vorhaben ein.
Wie moderieren Sie das?
In meiner Leitungsfunktion obliegt mir die Ver
handlungsführung. Da kann ich viel lernen. Es ist
wirklich spannend, mit den Persönlichkeiten aus
den unterschiedlichen Kulturen auszukommen.
Asiaten sind einfach anders als Südamerikaner -
und das muss man in der persönlichen Verhand
lung berücksichtigen. Ein Japaner ist zurückhal
tender, bevor er etwas sagt, er äußert schon gar
keine Kritik. Dahingegen sind zum Beispiel die
US-Amerikaner völlig schmerzfrei. Diese Unter
schiede bei den Wortäußerungen muss man be
rücksichtigen, man muss allen genug Freiraum
geben. Gleichzeitig muss ich Zusehen, dass ich
mit dem Pensum durchkomme. Fürdieses Organi
sationsgeschick wiederum sind ja wir Deutschen
bekannt.
Wie viele Wochen im Jahr sind Sie mit diesen Ca-
pacity-Building-Aufgaben beschäftigt?
Dieses Sub-Committee zu leiten, ist relativ auf
wendig. Von meiner Arbeitszeit gehen vielleicht
drei Wochen für diese Aufgabe drauf. Die Aufga
be ist Teil meiner Diensttätigkeit am BSH, aber sie
belastet mich nun nicht so sehr, dass andere Auf
gaben darunter leiden würden. Aber ich muss zu
geben, dass ich mit der normalen Arbeitszeit nicht
auskomme. Mich reizt das Thema so sehr, dass ich
einiges an Freizeit investiere. Ich bin keiner, der auf
die Uhr guckt, um zu wissen, wann acht Stunden
um sind.
Das ganze Reisen, der ein oder andere Umzug, was
macht das mit Ihnen persönlich? Wie wirkt sich das
auf die Familie aus?
Ich bin in meinem Leben 15-mal umgezogen, hat
te schon in sieben Bundesländern meinen ersten
Wohnsitz. Inzwischen sind wir in Rostock sesshaft
geworden. Familiärwardiese Umzieherei natürlich
schwierig. Aber mir lag immer daran, wirklich um
zuziehen statt zu pendeln und nur noch eine Wo
chenendehe zu führen. Umso wichtiger ist, dass
man sich irgendwann settled. Ich war noch nie
irgendwo so lange zu Hause wie in Rostock. Wir
wollen auch nicht wieder weg. Wir haben Glück,
meine Frau ist auch Vermesserin und hat ebenfalls
gute Arbeit in Rostock gefunden. Ich könnte mei
nen Beruf nicht so ausüben, wenn sie mich nicht
unterstützen würde. Auch in Bezug auf meine
Reiseaktivitäten. Aber länger als zwei Wochen am
Stück bin ich nicht weg.
Warum sind Seekarten so teuer?
Seekarten sind nicht teuer. Ich finde sie sogar ziem
lich preiswert. Bei der Preisgestaltung berücksich
tigen wir nur den Aufwand für die eigentliche Her
stellung der Karte, also für die kartographischen
Arbeiten. Die ganze Seevermessung fließt in die
Kalkulation gar nicht ein. Wenn wir den Aufwand,
den wir in die Seevermessung reinstecken, um die
Seekarte herzustellen, mit berücksichtigen wür
den, könnte sich die Seekarte keiner mehr leisten.
Selbst eine reiche Reederei würde das nicht bezah
len wollen. Ich denke, der Preis für eine Seekarte ist
keineswegs zu hoch, er ist vielmehr angemessen.
Und ein bisschen was muss die Karte ja auch kos
ten, denn etwas, das nichts kostet, ist auch nichts
wert. Bei Elektronischen Seekarten sehe ich das