Wissenschaftsgespräch
HN 107 — 06/2017
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Was an Ihrer Stelle mögen Sie ganz besonders?
Die große Abwechslung. Mal kümmere Ich mich
um die Einsatzplanung für die Schiffe und die Ko
operation mit den Besatzungen. (Leider schaffe
Ich es nur selten, selbst einen Törn mitzufahren.)
Dann geht es um die Produktentwicklung, wir
überlegen, was wir aus unseren Daten machen
können. Außerdem beschäftige Ich mich damit,
teilweise In Kooperation mit anderen, über Gren
zen hinweg, wie wir aus den hydrographischen
Daten mehr Mehrwert gewinnen können. Diese
Kooperationen sind sehr fruchtbar, gerade mit
den Ostseeanrainern. Bel der Vereinheitlichung
der Standards für die Seevermessungsaufgaben In
der Ostsee konnte Ich maßgeblich mltwlrken. Und
dann geht es mir noch um das wichtige Thema
der Wiederholung von Vermessungen.
Da spielt wahrscheinlich die Veränderlichkeit über
die Zelt eine Rolle.
Ganz genau. Doch regelmäßige Wiederholungs
messungen sind nicht bei allen Hydrographischen
Diensten üblich. Man kann noch so genau vermes
sen - wenn man die Veränderlichkeit des Bodens
nicht berücksichtigt, verliert das sehr schnell an
Wert. Man muss schon überlegen, wann man das
nächste Mal dasselbe Gebiet vermisst.
Ich vertrete da eine Meinung, die nicht In allen
Ländern auf Zustimmung stößt. In der Nordsee
machen wir ja noch relativ viel Vertikallotung; das
Ist In Zelten des Fächerlots ein bisschen anachro
nistisch. Dennoch Ist es aus meiner Sicht wirt
schaftlicher, die küstennahen Bereiche der Nord
see, wo die Sande sich sehr schnell verlagern, mit
dem Vertikallot zu vermessen. Das geht einfach
schneller. Natürlich Ist es nicht flächendeckend,
doch unsere erfahrenen Hydrographen können
die Ergebnisse bewerten und die Strukturinforma
tionen ergänzen. Auf diese Welse haben die Daten
eine hohe Qualität und vor allem liegen sie recht
zeitig vor. Und Im nächsten Jahr fahren wir wieder
hin, um die Veränderungen zu dokumentieren.
Dahingegen wäre die aufwendigere Vermessung
mit einem Fächerlot zwar von höherer Genauig
keit und Auflösung, doch die Ergebnisse wären mit
der nächsten Sturmflut wieder dahin.
Und auch In der Ostsee waren viele der Auf
fassung, das eine oder andere Gebiet mal ganz
vermessen zu müssen. Nur haben sie sich keine
Gedanken gemacht, wann sie das nächste Mal
dorthin fahren können, zumal sie gar nicht wuss
ten, ob Geld für eine weitere Vermessung bereit
steht. Wir dagegen haben einen richtigen Wie
derholungsrhythmus festgelegt, den wir mit dem
Ministerium abgestimmt haben.
Wie arbeitet das BSH mit anderen Behörden oder
Einrichtungen zusammen?
Wir koordinieren unsere Arbeiten so, dass wir
möglichst viel Synergien nutzen können. Die Ko
operationen sind seit Jahren bewährt. Wir arbeiten
eng mit der Wasserstraßen- und Schifffahrtsver
waltung zusammen. Die Wasser- und Schifffahrts
ämter vermessen selber, wir nutzen die Daten, die
Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung nutzt
unsere Daten. Auch mit den Küstenschutzämtern
der Bundesländer arbeiten wir sehr eng zusam
men, ebenso mit den archäologischen Landesäm
tern oder mit den Umweltschutzbehörden. Und
auch mit der Bundeswehr: mit dem Marinekom
mando In Rostock gibt es eine gute Kooperation,
und auch mit dem Zentrum für Geolnformatlon
der Bundeswehr In Euskirchen. In vielen Ländern
sind die Hydrographischen Dienste ja militärische
Einrichtungen, auch In dieser Hinsicht sind unsere
guten Beziehungen zur Bundeswehr hilfreich. Na
türlich profitieren wir selbst auch davon, dass wir
Informationen von der Marine bekommen, vor al
lem Im Bereich der Wracksuche.
Wie läuft die Ausbildung zum Seevermessungs
techniker am BSH ab?
Strenggenommen handelt es sich um eine Fort
bildung. Fortgebildet wird nicht etwa der Vermes
sungstechniker auf See, vielmehr richtet sich das
Angebot an seemännisches Personal - an Nautiker,
nautische Offiziere, Deckspersonal, Taucher, Schiffs
mechaniker ... Wer auf Vermessungsschiffen des
BSH und der WSV unterwegs Ist oder unterwegs
sein soll, kann diese Qualifikation erlangen, um die
Seevermessung sicher anwenden zu können.
Seit bald 60 Jahren bietet das BSH diese Fortbil
dung an, bei der ein breites Spektrum vermittelt
wird. Sie dauert über zwei Winter, zwei mal drei
Monate, Insgesamt sechs Monate Vollzelt, und sie
schließt mit einer Prüfung ab. Ich selbst war mal
Lehrgangsleiter für diese
Fortbildung, Inzwischen
leite Ich nur noch den Prü
fungsausschuss. Ich wollte
mich da nie ganz ausklin
ken, einfach well mir das
Bildungsthema wichtig Ist.
Das erdet einen und kon
frontiert einen mit den Fra
gen derjungen Leute.
Das Ist auch der Grund, wes
halb Sie seit ein paar Jahren
als Lehrbeauftragter an der
HCU arbeiten?
Ja, dort unterrichte Ich Qualitätsmanagement In
der Hydrographie. Das Ist übrigens keineswegs
nur trockene Theorie. Seit Ich Im BSH bin, beglei
tet mich das Thema. Mir hat es sehr geholfen, dass
es bereits 1998, als Ich In der Hydrographie anfing,
am BSH ein zertifiziertes Qualitätsmanagement
system gab. Die Dokumentation hat mir sehr klar
und strukturiert die Aufgaben nahegebracht. Mir
wurde schnell klar, wie man arbeitet und Dinge
steuert. Qualitätsmanagement Ist, wenn man es
richtig anwendet, ein sehr gutes Hilfsmittel.
Können Studierende ein Praktikum beim BSH ma
chen? Wie müssen sie sich bewerben?
Wir bieten verschiedenste Praktikumsplätze an.
Studenten können bei uns In Vollzelt über meh
rere Wochen oder auch Monate die Arbeiten ken
nenlernen. Natürlich geht das auch Im Rahmen
»Qualitätsmanagement in der
Hydrographie ist keineswegs
nur trockene Theorie. Wenn
man es richtig anwendet, ist
es ein sehr gutes Hilfsmittel.
Die Dokumentation bringt
einem klar und strukturiert
die Aufgaben nahe«
Thomas Dehling