Veber die Gezeiten-Strömungen in. dem englischen Kanal und dem
südwestlichen Theile der Nordsee.
Von Dr. C, Börgen,
Die Gezeiten bewirken in dem englischen Kanal und dem südwestlichen
Theile der Nordsee eigenthümliche Strömungsverhältnisse, welche zuerst im
Jahre 1850 von Captain F. W. Beechey, R. N., eingehend untersucht wurden.
Die Ergebnisse seiner Beobachtungen legte Beechey in einer Abhandlung der
Royal Society in London vor, welche. dieselbe in den Philosophical Transactions,
1851, pag. 403-117, unter Beigabe von Karten und Plänen veröffentlichte.
Ferner werden diese Ergebnisse alljährlich in den „Tide-tables for the
British. and Irish ports“ in der Form von Täfelchen veröffentlicht, welche für
jede Stunde der Gezeit von Dover. die Richtung des Stroms und seine grösste
Geschwindigkeit. in den: verschiedenen Theilen des Kanals und der Nordsee
angeben. .Endlich enthalten die von der Kaiserlichen Admiralität heraus-
gegebenen Gezeitentafeln für 1880 eine kurze Darstellung der Stromverhältnisse,
begleitet von Kärtchen, welche dieselben nach den Angaben der: Tide-tables für
jede Stunde der Gezeit bei Dover. veranschaulichen, .
In der Abhandlung von Beechey. in den Phil. Trans. (1851) wird’ zu-
nächst eine Beschreibung der Erscheinungen gegeben. und sodann versucht,
dieselben physikalisch durch das Zusammentreffen zweier Fluthwellen,- einer
direct aus dem Atlantischen Ocean in den Kanal eindringenden und einer aus
Norden durch die Nordsee kommenden, zu erklären. Diese Erklärung, so
plausibel sie auf den ersten Blick zu sein scheint, stellt sich bei näherem Ein-
gehen auf die Consequenzen eines Zusammentreffens zweier Wellen als unhaltbar
und untauglich zur Erklärung mehrerer sehr wichtiger Punkte heraus, so dass
man genöthigt ist, ‚sich nach einer anderen, naturgemässeren umzusehen. Kine
solche glauben wir nun auf Grund der theoretischen Untersuchungen Airy’s
über die Gezeitenwellen geben zu können. Die wichtigen mathematischen Unter-
suchungen Airy’s.über die Gezeiten sind niedergelegt in einem, wie es scheint,
sehr wenig bekannt gewordenen Werke: ‘ „Zides. and Waves“, "Theil der
„Encyclopaedia metropolitana“. In späteren Artikeln werden wir vielleicht auf
diese Untersuchungen zurückkommen; hier greifen wir einige der Resultate, die
uns zu der Erklärung der Strömungserscheinungen von Wichtigkeit sind, heraus,
ohne den Weg, auf welchem sie erlangt worden sind, mittheilen zu können,
weil dies viel zu weit führen würde, ,
Ehe wir indess hierzu schreiten, ist es hothwendig, die Erscheinungen
selbst und den Erklärungsversuch von Beechey näher kennen zu lernen, worauf
wir unsere Erklärung vortragen. werden, welche übrigens. für einen Theil der
Erscheinung bereits von Airy selbst ausgesprochen wurde.
1. Beschreibung der Strömungs-Erscheinungen. |
Auf der ungefähr 360 Sm langen Strecke, zwischen einer Linie, welche
Portland-bill und Kap La Hague.einerseits und einer Linie, welche Cromer und
den Texel andererseits verbindet, findet der Uebergang des Fluthstroms in
Ebbestrom gleichzeitig, und zwar zur Zeit des Hochwassers bei Dover, und
umgekehrt der Wechsel von Ebbe- in Fluthstrom ebenfalls gleichzeitig zur Zeit
des Niedrigwassers bei Dover statt, Während der Dauer des Fluthstroms
strömt - das Wasser sowohl .im Kanal, wie in der Nordsee nach Dover hin,
Ann, 4. Hyär.. 1880. Heft I (Januar).