Radioaktive Stoffe
261
4.5.2 Quellen künstlicher Radionuklide
Die atmosphärischen Kernwaffentests der 1950er und 1960er Jahre führten über radioak
tive Niederschläge (Fallout) zu einer globalen Kontamination mit künstlichen Radionukliden.
Die Aktivitätsverteilung dieser Nuklide im Oberflächenwasser des Nordatlantiks stellt für die
Nordsee eine Vorbelastung bzw. Hintergrundkonzentration dar, die hier durch andere regio
nale Belastungsquellen überlagert und verstärkt wird.
So dominierten mit Beginn der 1970er Jahre die kontrollierten und genehmigten Ableitungen
radioaktiver Abwässer der europäischen Wiederaufarbeitungsanlagen für Kernbrennstoffe La
Hague (Frankreich) und Sellafield (Großbritannien) die Aktivitätskonzentrationen künstlicher
Radionuklide in der Nordsee. Die Kontaminationen der Irischen See (Sellafield) bzw. des
Kanals werden mit den Meeresströmungen in andere Meeresgebiete verfrachtet und erreichen
die Nordsee über die nordwestliche Öffnung zum Atlantik (Sellafield) bzw. über die Straße von
Dover. Die Transportzeiten von La Hague bzw. Sellafield bis in die Deutsche Bucht belaufen
sich auf etwa ein bzw. drei Jahre, weshalb nur langlebige Radionuklide mit Halbwertszeiten
> 1 Jahr von Interesse sind (BAILLYDU BOIS und DUMAS 2005).
Internationale Anstrengungen - z. B. im Rahmen des Oslo/Paris-Übereinkommens
(www.ospar.org) - haben bewirkt, dass die in den 1970er Jahren sehr hohen Einleitungen bei
der Wiederaufbereitungsanlagen kontinuierlich reduziert wurden. Das Meerwasser der Nord
see ist deshalb inzwischen nur noch sehr gering durch künstliche Radionuklide belastet.
Ein Großteil der Belastung durch 137 Cs und Transurane resultiert inzwischen aus resuspen-
dierten Partikeln des Sediments der Irischen See und weniger aus den gegenwärtigen Ablei
tungen der Wiederaufarbeitungsanlagen (KERSHAW et al. 1999). Das Sediment der Irischen
See wurde vor allem in den 1970er Jahren hoch kontaminiert. Die Quellstärke des Sediments
für 137 Cs wird auf 50 bis 70 TBq/Jahr geschätzt, was ungefähr dem zehnfachen der gegen
wärtigen Einleitungen entspricht. Resuspension wird sowohl durch natürliche Ereignisse wie
Stürme, als auch durch menschliche Aktivitäten wie Grundnetz- und Baumkurrenfischerei
hervorgerufen.
Die Oberflächensedimente der Nordsee sind größtenteils sandig, was eine nur schwache Ten
denz zur Anreicherung von Radionukliden beinhaltet. An den wenigen Stationen, z. B. auf der
Weißen Bank in der mittleren deutschen Bucht (WB5) oder im Schlickfallgebiet südöstlich Hel
golands (KS11), bei denen man überhaupt eine Anreicherung von künstlichen Radionukliden
im Sediment feststellen kann, liegen die spezifischen Aktivitäten für 137 Cs unter 6 Bq/kg, für
Transurane deutlich unter 1 Bq/kg Trockenmasse. Zum Vergleich: Die spezifische Aktivität des
natürlichen 40 K in diesen Sedimenten liegt zwischen 300 Bq/kg und 600 Bq/kg. Das Sediment
ist in den meisten Gebieten der Nordsee bis in 40 cm Tiefe weitgehend durchmischt, so dass
sich keine Informationen über unterschiedliche Eintragszeiten im relevanten Zeitraum der
vergangenen 50 Jahre ableiten lassen. Dieser Umstand indiziert, dass die Abreicherung der
Wassersäule durch Sedimentation ein durch Wiederfreisetzung abgelagerter Radionuklide
umkehrbarer Prozess ist. Die seit einigen Jahren relativ konstanten Volumenaktivitäten von
137 Cs und 90 Sr (siehe Abbildung 4-73) deuten möglicherweise auf ein Gleichgewicht dieser
Austauschprozesse hin.
Der Fallout infolge des Reaktorunfalls von Tschernobyl im April 1986 ist nur noch im Ausstrom
des Ostseewassers nachweisbar, das die Nordsee über die Norwegische Rinne verlässt. Ab
leitungen aus Kernkraftwerken oder anderen kerntechnischen Einrichtungen spielen für das
Aktivitätsinventar der Nordsee kaum eine Rolle. Sie sind allenfalls in unmittelbarer Umge
bung dieser Anlagen nachweisbar. Dies gilt auch für die bis 1982 durchgeführte Versenkung
schwach radioaktiver Abfälle in mehr als 4000 m Tiefe im Nordostatlantik. Auch die früheren