Grossmann: Die Sturmfluten an der deutschen Nordseeküste am 13, Jan, u. 16./17. Febr. 1916. 365
Für die Erzeugung einer hohen Sturmflut waren die Verhältnisse außerordent-
lich günstig. Nachdem seit‘ Wochen westliche, vielfach stürmische Winde geherrscht
hatten, hatten sich bereits in der Nacht zum 13. über dem Westen der Nordsee
stark stürmische, böige nordwestliche Winde eingestellt, die schon am Morgen
um 8% in Stärke 9 bis Borkum vorgedrungen waren und in geringerer Stärke etwa
bis zur Mündung der Weser wehten, während von der Elbmündung nordwärts
wie in den Flüssen westliche bis südliche Winde beobachtet wurden, Unter An-
schwellen der Winde zu schwerem Sturm mit verbreiteten orkanartigen Böen
blieb diese Anordnung der Windrichtungen, bis auf die besprochenen kleineren
Schwankungen der Windfahne, der Hauptsache bis zum Abend nach bestehen.
So war das Wasser im Laufe des Tages nach der Deutschen Bucht getrieben
und dort aufgestaut worden, und diese Lage erfuhr am Abend für den West—Ost
verlaufenden Teil der Küste eine erhebliche Verschärfung dadurch, daß ungefähr
um die Zeit des vorausberechneten Hochwassers auch die vorher‘ südwestlichen
Winde nach Nordwest drehten und die Stürme mit noch größerer Gewalt über
die gewaltig aufgetürmten Wassermassen dahinbrausten. So wurde das Wasser
mit großer Gewalt in unsere Flüsse und besonders in die Elbe hineingetrieben,
Da die Deiche nicht nur den Druck des Wassers auszuhalten hatten, sondern
auch der Stoßwirkung des von den Sturmböen aus Nordwest erregten Wellen-
schlages ausgesetzt waren, erfuhren die Deiche durch diese Sturmflut besonders
große Beschädigungen, die noch durch den weiteren Umstand begünstigt waren,
daß die Deichkronen durch die ungewöhnlich ergiebigen und anhaltenden Regen-
fälle der letzten Wochen stark durchweicht und. daher weniger widerstandsfähig
gegen mechanische Einwirkungen waren. Weniger günstig für eine hohe Sturmflut
lagen die Verhältnisse für die Küste nördlich von der Elbmündung, da das be-
rechnete Hochwasser hier später stattfand und die schon ‚einige Stunden vor
dieser Zeit über der deutschen Nordsee wehenden Winde aus NW bis NNW dem
Auwachsen der Flut über dem S—N verlaufenden Küstengebiet entgegenwirkten,
Dieser Einfluß der Winddrehung wird sich weiterhin in sehr bestimmter Form
an der Hand der Tabelle über die in den beiden Sturmfluten erreichten Hoch-
wasserstände ergeben, die sich an die Besprechung der zweiten Hochflut anschließt.
Ebenso wie an der deutschen Küste hat diese Sturmflut auch in Holland
schwere Schäden verursacht. Um ein ungefähres Bild über ihr Auftreten an
unserer Küste zu gewähren, sind nachfolgend einige Berichte von Nebenstellen
der Deutschen Seewarte sowie Ausschnitte aus Zeitungen zusammengestellt worden.
Berichte über die Sturmflut vom 13. Januar 1916. ;
Borkum. Am 13. Januar 1916 herrschte hier starker NW-Sturm, Windstärke 11. Die Reede,
der Bahndamm und die Strandbefestigungen haben mehr oder minder erheblichen Schaden erlitten.
Das Wasser hatte zwischen 5 und 6 Uhr seinen Höchststand von 3.60 m über Null, Der Höchst-
stand in der Sturmflut am 12./13. März 1906 war 3.95 m über Null,
Die Wartehalle an der Reede ist wenig mitgenommen. Die Südwand derselben war einge-
drückt und die Veranda an der Nordseite nur leicht demoliert, Der Anleger ist fortgeschwemmt und
in Pilsum an der ostfriesischen Küste angetrieben. Etwa 1500 m vor der Landungsstelle ist die Busch-
wand an drei Stellen eingedrückt und der Bahndamm an diesen Stellen nahezu niedergerissen. Im
weiteren Verlauf dem Dorte zu ist der Bahndamm ausgehöhlt. In den Dünen ist der niedrige Bahn-
damm noch durchbrochen, wodurch die Kiebitz-Delle voll Wasser lief,
. Am Südetrand haben die Dünen gelitten. Am Weststrand sind mehrere Buhnen eingefallen.
Der Strand hat daselbst sehr stark abgenommen, Das Bankett am Fuße der Strandmauer lag, stellen-
weise bis 1 bis 2 m, bloß, Dieses ist mir seit 33 Jahren nicht bekannt. In den Böschungen oberhalb
der Strandmauer sind große Löcher gerissen. Die dort angebrachten Rampen - und Treppen sind zu-
sammengestürzt und teilweise vertrieben. Der Steinweg oberhalb der Strandmauer ist in erheblichem
Umfange aufgerissen. In einer Ausdehnung von 70 m ist die Rundung der unteren Strandmauer ab-
gebrochen. Die Auffahrt am Nordende der Strandmauer ist steil abgebrochen. Beschädigungen an
Häuserdächern, Veranden, sowie Eindrücken von Fensterscheiben waren nicht so viel wie bei anderen
Sturmfluten seit 1883, Bölts, Vorsteher der Normalbeobachtungsstation der Deutschen Seewarte.,
Norderney. Die Sturmflut am 13. Januar d. Js. erreichte ihren höchsten Stand um 45 vorm,
mit 3.02 m über gewöhnlichem Hochwasser. Hierdurch wurde der Deich des Renn- und Sportplatzes
am Hafen überflutet und in einer Länge von 110m zerstört. Der Platz, welcher auf gewöhnlichem
Hochwasser liegt, war zu !/; Fläche mit Sandboden überschwemmt, Durch den Wasserdruck wurde ein
zweiter Deich ebenfalls durchbrochen, so daß sich auch der Polder vor der Mariensiraße mit Wasser
Eillte. Durch das einstürzende Wasser mit einem Gefälle von 3 m wurden fünf in unmittelbarer