Zorell, F.: Ein neuer Atlas für Temperatur und Salzgehalt im Oberflächenwasser der Nordsee, 1083
nur so wirklich exakte Grundlagen für jede Weiterarbeit geschaffen sind, aber
auch nur so die Grenzen deutlich umrissen werden, innerhalb derer Mittel-
bildungen aus einem Gebiet großer unperiodischer Schwankungen von Wert sind
und wo die Forderung nach synoptischer Erfassung des hydrographischen Zu-
standes und der Ableitung bestimmter Typen daraus sich noch bestimmter als
bisher erhebt. Diese Forderung ist nicht neu; bereits bei Böhnecke sind An-
zätze dazu da und noch mehr in der bekannten Untersuchung von Lumby und
Carruthers!). Es besteht m. E. immer die Gefahr, daß Benutzer eines solchen
Atlasses, die den modernen hydrographischen Vorstellungen ferner stehen, diese
Temperatur- und Salzgehaltsmittelwerte nicht als abstracta, die sie doch sind,
nehmen, sondern als „Normal“werte, denen beträchtliche reale Bedeutung zu-
kommt. Und das sind diese Linien namentlich in den breiten Grenzzonen ver-
schiedener Wasserarten ganz bestimmt nicht.
In Erläuterung des eben Ausgeführten sei auf Tafel 11 verwiesen, auf der
die Temperaturverhältnisse für August wiedergegeben sind. Die ausgezogenen
Linien sind Isothermen nach dem neuen Atlas (von 0.5 zu 0.5°%, die Zehntelgrade
sind weggelassen), die gestrichelten Linien sind die Isothermen des Seewarten-
atlasses. In bestimmten Zügen haben wir weitgehende Übereinstimmung, so in
der Tatsache, daß vor der englischen Ostküste das Wasser kälter ist als in
gleicher Breite vor der jütländischen. Die relativ starke sommerliche Erwärmung
dicht unter der Küste läßt der neue Atlas unberücksichtigt; der Seewartenatlas
bringt diese Erscheinung dagegen zur Darstellung (vgl. den Verlauf der 13°-
[sotherme dicht unter der schottischen und nordenglischen Küste; die 17°-Iso-
therme an der nord- und ostfriesischen Küste; die 18°-Isotherme im Gebiet
Terschelling—Norderney und südlich der Rhein-Maas-Mündung). Bezeichnend für
die Leitgedanken bei der Zeichnung des Seewartenatlasses ist die „Insel“ warmen
Wassers über der Doggerbank. Fraglos findet sich sehr häufig in diesem Gebiet
gine lokale Erwärmung auf über 16°C; bei strenger Mittelbildung der beob-
achteten Werte wird diese Erscheinung jedoch nicht gesondert zum Ausdruck
kommen und so läuft auf dem neuen Atlas die 15°-Isotherme quer durch diese
Insel hindurch. Ahnliche Beispiele mögen sich leicht noch mehr finden lassen.
Die Brauchbarkeit der funkentelegraphischen Seeobsmeldungen
zur Bestimmung von Wassertemperaturen.
Von H. Wörner, Königsberg i. Pr,
(Hierzu Tabellentafel 12.)
In den letzten Jahren ist die Frage der Langfristprognosen von verschiedenen
Seiten erneut in Angriff genommen worden, In mehreren Aufsätzen hat u. a.
auch Sandström durch seine Arbeiten über den Einfluß des Golfstroms auf das
Wetter in Europa Hinweise auf eine Vorhersage des Charakters des nächsten
halben Jahres gegeben (1) *). Auch die in den letzten Jahren erschienenen Arbeiten
über die Verlagerung der Aktionszentren über dem Nordatlantik (2) lassen die
Wichtigkeit der Wassertemperaturbestimmungen in diesem Meeresteil erkennen.
Eine recht eingehende Bearbeitung der Temperaturschwankungen des Nord-
atlantischen Ozeans und speziell des Golfstroms führte schon vor dem Kriege
Petersen durch (3). Daß er damals kein eindeutiges Resultat im Sinne der
Sandströmschen Gedankengänge erhielt, ist vor allem darauf zurückzuführen,
daß die von ihm verwendeten Schiffe in damaliger Zeit (er benutzte die Jahre
1883 bis 1903) zu den verschiedenen Jahreszeiten ganz verschiedene Kurse
steuerten. Es war also nicht möglich, mit Hilfe dieser Beobachtungen bestimmte
Stellen des Atlantik ein ganzes Jahr hindurch auf ihre Temperatur hin zu über-
wachen. Er benutzte als Unterlagen die in den meteorologischen Schiffstage-
N J. R. Lumby and J. N. Carruthers, An Experiment dealing with the Interpretation of Salinity
Distribution Charts, J. du Conseil, IIX, S. 176.
*) Diese und die folgenden Ziffern beziehen sich auf das Schrifttum am Schluß dieses Artikels,
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