Becker, R.: Eine Beziehung zwischen jährl. Schnechöhe usw. des Grönländ. Inlandeises, 247
bei Koch-Wegener und unregelmäßige Schwankungen treten an dessen Stelle.
Das Östliche Maximum ist bei De Quervain nur noch an einem Umbiegen der
nach Osten ansteigenden Kurve etwa in die Horizontale zu erkennen. Das ent-
sprechende Maximum bei Koch-Wegener ist deutlich ausgeprägt, zeigt aber
Schwankungen von etwa derselben Amplitude, wie das Gebiet westlich des west-
lichen Maximums, jedoch mit weit größerer „Wellenlänge“.
Es liegt nun nahe anzunehmen, daß alle diese Einzelheiten zufällige Ursachen
haben, also für die Beurteilung des Gesamtbildes nicht beachtet zu werden brauchen,
Diese Annahme ist auch insofern naheliegend, als die indirekte Methode der
Bestimmung jener Niederschlagshöhen sicher viele mehr oder minder unkontrollier-
bare Fehlerquellen hat und außerdem auf alle Fälle nur für ein bestimmtes Jahr
Gültigkeit haben kann. Im folgenden soll nun gezeigt werden, daß es sich aber
trotzdem wahrscheinlich nicht um zufällige, sondern um systematische Einflüsse
handelt, hervorgerufen durch die Einzelheiten der Oberfläche des grön-
ländischen Eisschildes.
Seine Oberflächenformen sind sehr flach und abgerundet. Es ist deshalb zu
erwarten, daß sich die Luftströmungen denselben sehr glatt anschmiegen werden,
Weiterhin ist aus demselben Grunde anzunehmen, daß sich diese Anschmiegung
in relativ große Höhen erstrecken wird.
Um nun aber die daraus folgende Art der Luftströmung vollkommen erfassen
zu können, muß man noch die mittlere horizontale Strömungsrichtung auf dem
Grönländischen Inlandeis kennen. Diese gibt Fig. 3 an. In ihr sind Isohypsen
der Inlandeisoberfläche und die „mittleren normalen Windrichtungen“ je für Ost-
und Westhälfte eingezeichnet, wie sie sich aus den Resultaten beider Expeditionen
ergeben. (Alle küstennahen Gebiete sind dabei ausgeschlossen.) Es zeigt sich
eine klare Gesetzmäßigkeit. Die Windrichtungen stehen stets nahezu senkrecht
zu den Isohypsen; die Luft scheint auf dem kürzesten Wege „bergab“ zu fließen.
Eine Ausnahme bildet hierbei der westliche Teil des Weges von Koch und
Wegener. In diesem Gebiet fand die Expedition Winde, die parallel den Iso-
hypsen wehen, und zwar im Sinne einer auf dem Innern des Eisschildes gelegenen
Antizyklone, Dieser Ausnahmefall wird in den folgenden Darlegungen noch eine
wichtige Rolle spielen, soll aber vorerst ausgeschieden werden. Tut man dies
und beachtet man noch weiterhin die von allen Expeditionen als besonders auf-
fällig vermerkte Tatsache, daß der Wind auf dem Inlandeise eine erstaunliche
Konstanz zeigt, so ist man wohl berechtigt, aus der Tatsache, daß der mittlere
Wind auf den beiden betrachteten Expeditionen stets dem mittleren Gelände-
gefälle zu folgen schien, den Schluß zu ziehen, daß es sich hier um ein all-
gemeines Gesetz handelt. Dieses heißt: Die Luft fließt im allgemeinen auf dem
kürzesten Wege das Gelände abwärts.
Diese Tatsache kann aber auf den Wasserwert der jährlichen Schneehöhe
nicht ohne Einfluß sein. Zwei Umstände können hier herangezogen werden,
Der wichtigste ist das Schneefegen, das auf dem grönländischen Inlandeise
außerordentlich häufig anzutreffen ist. Dort, wo das Geländegefälle am stärksten
ist, wird die Luft auch am intensivsten abwärts fließen. Infolgedessen muß auch
der Schnee hier am stärksten weggefegt werden. Überwiegt hier der Effekt des
Wegfegens den des Ablagerns, so muß es bei mehr horizontalen Geländestücken
umgekehrt sein. Es besteht also die Tendenz, die Schneehöhe bei schwacher
Geländeneigung zu erhöhen und bei starker Neigung sie zu verringern. Weiter-
hin kann eventuell angenommen werden, daß die Bahnen von Zyklonen auf dem
Inlandeise im Mittel den normalen Windrichtungen folgen, also sich „bergab“
bewegen. Die Aufwärtsbewegungen in ihnen, welche die Niederschläge verur-
sachen, werden dadurch eine vertikal abwärts gerichtete Komponente erhalten.
Je steiler das Gelände nun ist, um so stärker wird dieselbe sein. Stark geneigte
Geländestücke werden dadurch in Richtung einer Verringerung des Niederschlages
wirken, während es bei flachen Neigungen umgekehrt sein muß. Für das Zu-
standekommen einer solchen Erscheinung wäre es notwendig, daß sich das am
Boden beobachtete Windgesetz in größere Höhen erstreckt, was für den zuerst
erwähnten Effekt des Schneefegens nicht der Fall zu sein braucht.