246 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, August/September 1933,
Eine Beziehung zwischen jährlicher Schneehöhe und Neigung der Ober-
fläche des Grönländischen Inlandeises.
Von Richard Becker, Hamburg,
(Hierzu Tafel 32.3
Die Anregung zu der vorliegenden Untersuchung ergab sich anläßlich einer
Ausarbeitung über die Flugklimatologie von Grönland, welche demnächst im
„Archiyr der Deutschen Seewarte“ erscheinen wird (Bad. 52, Nr, 4).
Das Material von zwei Expeditionen konnte benutzt werden. Es sind dies
die Überquerung des Grönländischen Inlandeises durch De Quervain im Hoch-
zommer 1912 und die Überquerung durch Koch und Wegener im Frühling und
Sommer 1913!). Die geographische Lage dieser beiden Überquerungswege zeigt
Fig. 1. Beiden Expeditionen ist es nun gelungen, auf indirektem Wege Zahlen
über die jährliche Niederschlagshöhe auf dem Grönländischen Inlandeise zu er-
halten, Die Beobachtungsgrundlage bildeten dabei Messungen des sog. „Jung-
schnees“, (Auf dem Grönländischen Inlandeise kommen Niederschläge praktisch
nur in Form von Schnee in Frage.) Mit Hilfe von Messungen der Dicke dieser
Jungschneedecke und der Dichte des Schnees konnte festgestellt werden, wie groß
die Niederschlagshöhe (die „Regenhöhe“) war, die dem gemessenen Schnee ent-
sprach. Diese Zahlen sind als Relativwerte des jährlichen Niederschlages bereits
verwendbar. Durch Extrapolation mittels Anschluß an Küstenstationen lassen
sich dann auch Absolutwerte berechnen, Dies wäre für die hier zu untersuchenden
Erscheinungen gar nicht erforderlich, kann aber auch keine Fälschung verur-
sachen, da sich die folgenden Betrachtungen nur mit Relativwerten beschäftigen?).
Die diek ausgezogenen Linien der Fig. 2a und 2b geben nun zunächst die
Verteilungen der Niederschlagshöhen quer über das Inlandeis an, wie sie sich
für die Profile der beiden oben genannten Expeditionen ergeben. Die Ordinate
stellt. die Niederschlagshöhe in Millimeter Wassersäule dar, Die Abszisse ermög-
licht die Fixierung der geographischen Lage der Punkte des Expeditionsweges,
an denen Messungen angestellt worden sind dadurch, daß auf ihr die geogra-
phischen Längen linear abgetragen werden. Zur Erhöhung der Anschaulichkeit
wurde auf beiden Figuren noch eine Profilskizze angebracht, Wie man sieht,
sind die Messungen der Jungschneedecke nicht lückenlos durchgeführt. Bei der
Expedition von De Quervain setzen die Messungen um das Gebiet der Maximal-
höhe des Eisschildes herum einmal längere Zeit aus, was auf Erfordernisse der
Reisesicherung zurückzuführen ist,
Betrachtet man nun die Kurven, die durch Verbindung der Meßpunkte mittels
gebrochener Linienzüge erhalten wurden, so zeigt sich zunächst eine bei den
Kurven beider Expeditionen unverkennbare Gesetzmäßigkeit: In der Mitte, in
der Nähe der Maximalhöhe des Inlandeisschildes, zeigen beide Kurven eine Minimal-
zone, flankiert von zwei Maxima, von denen das westliche beide Male das weit-
aus stärkste ist, In den Fig. 2a und 2b ist auch angedeutet, wie man eine Ab-
grenzung dieser Gebiete etwa vornehmen könnte, Diese Erscheinung zeigt einen
klaren Zusammenhang mit einer Anzahl anderer aus dem Expeditionsmaterial
ableitbarer Tatsachen und es bieten sich dafür auch plausible Erklärungsmöglich-
keiten. Diese Fragen sollen aber hier nicht erörtert werden, Es ist vielmehr
die „Feinstruktur“ jener Kurven, die hier untersucht werden soll. Auf das
bereits erwähnte starke westliche Maximum folgt in der Kurve von De Quer-
vain nach Westen hin ein ebenfalls stark ausgeprägtes Minimum. Dieses fehlt
1) Die Überquerung des Inlandeises durch die Expedition von De Quervain kann als vom
20. Juni bis 31. Juli 1912 dauernd betrachtet werden. Ausführliche Mitteilungen über die wissen-
schaftlichen Ergebnisse in: „Ergebnisse der Schweizerischen Grönland-Expedition 1912—1913, bearbeitet
und redigiert von Prof. Dr. Alfred De Quervain“, (Erschienen als Buch, Zürich 1919} — Vom
20, April bis 9. Juli 1913 überquerten Koch und Wegener das Inlandeis. Wissenschaftliche Er-
gebnisse in: Meddeleser om Grenland, Bind LXXV, Abteilung I und IT, 1930: Wissenschaftliche Er-
gebnisse der Dänischen Töxpedition nach Dronning Louises-Land und quer über das Inlandeis von
Nordgrönland 1912 bis 1913, unter Leitung von Hauptmann J, P. Koch, von J. P. Koch und
A. Wegener, — % Ausführliche Erörterungen über Niederschlag, Jungschuee, Firnzuwachs usw. finden
sich bei Koch-Wegener [siehe 1}], Abteilung 1, Seite 354 u, folg.