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Full text: 10, 1887

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in höhere Breiten schon frühzeitig eine sehr bedeutende Verzögerung, indem derselbe den grössten Theil 
seiner absoluten Westost-Rotations- Geschwindigkeit schon in niederen Breiten auf die unteren Schichten 
überträgt, so dass diese weniger vermöge ihrer zuvor besessenen Westwind-Geschwindigkeit sich zum Aequator 
ziehen, als vielmehr in Folge der bedeutenden Kraft -üehertragung, welche die unteren Schichten aus den 
oberen Schichten empfangen. Lässt diese Kraft-Uebertragung in Folge eines Mangels vertikaler Mischung 
der Luftmassen zeitweise nach, dann ergiebt sich in der Tiefe sehr bald Windstille. 
Wir gelangen zu der Ansicht, dass die Arbeiten, welche die allgemeine Luftzirkulation haben erklären 
wollen, weniger die wahren verwickelten atmosphärischen Vorgänge aufgedeckt haben, sondern sich vielmehr 
damit begnügten, eine einzelne vorhandene Beziehung ans Licht zu ziehen und diese mit grossem Auf- 
wande an mathematischen Entwickelungen eingehend in ihren Folgerungen zu behandeln, unabhängig davon, 
ob das jener Berechnung zu Grunde gelegte Problem mit den wahren Vorgängen der Natur genaue Ueber- 
einstimmung besitzt. Es wird der Werth der Rechnungs-Resultate überschätzt, das noch Unverstandene 
gilt als erwiesen und an Stelle des Strebens nach völligem Verständnisse tritt die Freude über die scheinbar 
erheblichen wissenschaftlichen Erfolge, welche in Wahrheit nur ein einzelnes Glied in der Kette des Fort 
schrittes sind. 
Der von Werner Siemens im vergangenen Jahre in der Akademie der Wissenschaften zu Berlin ge 
haltene Vortrag: „Ueber die Erhaltung der Kraft im Luftmeere der Erde“, geht in geringerem Grade auf 
die Einzelheiten der verworrenen Vorgänge ein, welche in unserer Erdatmosphäre sich vollziehen. Es ist 
dies erklärlich, weil als Hauptzweck jenes Vortrages wohl die Absicht gelten dürfte, das Interesse grösserer 
Kreise auf die grossen Prinzipien der Luftbewegung zu lenken und zur Bearbeitung des Stoffes anzuregen. 
Versucht man, wie hier für einige Beziehungen ausgeführt worden ist, im Einzelnen jeden in der 
Atmosphäre sich vollziehenden Vorgang genau zu verfolgen, jede mögliche aber nothwendige Schlussfolgerung 
zu ziehen und deren Einwirkung auf sichtbare oder messbare Erscheinungen in der Natur zu verfolgen, 
dann gewinnt man sehr reichliches Material zur Kontrole, resp. Berichtigung der gewonnenen Anschauungen. 
Dabei ist eine sehr maassvolle Anwendung mathematischer Entwickelungen durchaus geboten, weil jeder zu 
grosse Bau, auf unvollkommenem Fundament errichtet, unbedingt fehlerhaft ist, später einstürzen muss und 
Schaden anrichten kann. 
Wo die Theorie in den Dienst einer praktischen Wissenschaft tritt, soll dieselbe bemüht sein, solche 
Resultate zu fördern, welche den wahren in der Natur sich vollziehenden Vorgängen entsprechen und daher 
von direktem praktischen Nutzen sind. 
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