Meteorologie in der Deutschen Seewarte 1900 bis 1914
Aerologie
Um die Jahrhundertwende richtete sich das Interesse der Meteorologen
in aller Welt auf die hohe Atmosphäre, den Schichten bis zu etwa 5 km
Höhe. Auch die Seewarte beteiligt sich an der Forschung auf diesem
Gebiet. Schon im Jahre 1895 beginnt innerhalb der Deutschen Seewarte
dieser neue Gedanke Platz zu greifen. KOPPEN hatte schon oft seit
1875 bei seinen Gängen über das M Heilige-Geist-Feld" den Kindern beim
Drachensteigen zugesehen und zusammen mit SPRUNG an die Möglichkeit
von Messungen der vertikalen Verteilung von Temperatur und Luftfeuchte
mit Hilfe möglichst hochsteigender Drachen gedacht. Er vermochte 1895
die ersten Versuche in dieser Beziehung auf einem Platz am Isebek-Kanal
vorzunehmen. Zunächst fehlten allerdings stabile Drachen. Aber durch
Hinweise auf die vom Australier Hargrave erfundenen Kastendrachen mit
Stahldraht als Leine und nach Erhalt eines großen Marvin-Drachens aus
Washington glückten derartige Aufstiege allmählich zur Zufriedenheit.
Ein bis zwei Arbeiter halfen ihm dabei. W.BETGHE, G.SCHWITZER später
L.KUBICK und H.BUTENSCHÖN. Mit den Meteorologen TEISSERENC de Bort
(Paris) und MARVIN in Washington kam KOPPEN in Verbindung. Später kon
struierte er den "^reppenkasten-Drachen" und den "Bri11iant-Drachen",
Die Regelmäßigkeit und technische Sicherheit der Drachenaufstiege
nahm erheblich zu, so daß am 1.April 1903 die Einrichtung einer
"Drachenstation der Deutschen Seewarte" in Groß-Borstel erfolgte.
8000.- Mark standen als Jahresetat zur Verfügung. Bei dieser Entwick
lung erwies sich KOPPEN als "eminenter Praktiker". Er schuf die ers
ten praktischen Handwinden. Auch die Technik der Motorwinden förderte
er vielfach. Wer damals eine Expedition ausrüstete, wandte sich an ihn
als dem Klassiker der Drachentechnik. Ähnliche Bestrebungen zur Fest
stellung der meteorologischen Werte in den verschiedenen Höhen der
freien Atmosphäre verfolgten fortschrittliche Meteorologen der damali
gen Zeit auch an einigen anderen Orten Europas. KOPPEN schlug 1906
auf der Tagung der internationalen Kommission für wissenschaftliche
Luftfahrt in Mailand das Wort "Aerologie" vor, um dem neuen Wissens
zweig einen geeigneten Namen zu geben. Ohne Zweifel ging von der
Deutschen Seewarte durch die Drachenstation Groß-Borstel ein gewalti
ger Impuls aus für die spätere Durchforschung der hohen und höchsten
Atmosphäre in einem weltumspannenden Netz aerologischer Stationen.