Radiochemie (Magazin) 527
Nachrichten aus der Chemie| 63 | Mai 2015 | www.gdch.de/nachrichten
♦ Ergebnisse des Lebensmittelmonitorings nach dem Reaktorunfall von Fukushima
Nachrichten aus der Chemie: Nach
Fukushima wurden Lebensmittel in
ganz Japan auf Radioaktivität ge
testet - bis heute etwa900 000 Pro
ben. Dieser Datenschatz ist online,
und Sie haben ihn zusammen mit
Stefan Merz von der TU Wien und
Katsumi Shozugawa von der Uni
versität Tokio ausgewertet
('Environ. Sei. Technol. 2015, doi:
10.1021/es5057648j.
Georg Steinhäuser: Ja, allerdings
haben wir eine Auswahl getrof
fen, denn man kann 900 000 Da
ten unmöglich auf einmal disku
tieren. Insgesamt waren knapp
140 000 Datensätze In unserem
Fokus. Wir haben uns drei Lebens
mittelkategorien angesehen: eine
vegetarische mit Gemüse/Früchten/
Pilzen/Seetang, dann eine Kategorie
mit Fleisch und Eiern sowie die Ka
tegorie Trlnkwasser. Trlnkwasser Ist
allerdings kaum der Rede wert, da
es so wenig belastet war.
Nachrichten: Fisch fehlt - erstaun
lich, gehört Japan doch zu den Na
tionen mit dem höchsten Fischkon
sum der Welt.
Steinhäuser: Dieser Kategorie wer
den wir uns In künftigen Arbeiten
widmen. Für unsere erste Studie
wollten wir uns auf die Kategorien
mit höheren Belastungslevels kon
zentrieren, und Gemüse oder
Fleisch waren In mancherlei Hin
sicht spektakulärer als Fisch. Ein
weiterer Grund war, dass wir In un
serer Studie die Lebensmittel nach
Herkunftsregionen getrennt disku
tiert haben. Darüber hat man bei
wild lebenden Fischen aufgrund
Ihrer Mobilität keine Kontrolle.
Nachrichten: Welche Ergebnisse
fanden Sie?
Steinhäuser: Wir haben uns zuerst
die Radiocäsiumbelastung Im ers
ten Jahr nach dem Unfall angese
hen. Insgesamt überschritten jap
anweit 0,9 Prozent der gemesse
nen Proben die Grenzwerte, In der
Präfektur Fukushima waren es
3,3 Prozent. In der letzten Beob
achtungsperlode vom 1. April
2014 bis 31. August 2014 waren es
dann japanweit 0,2 Prozent, In der
Präfektur Fukushima 0,6 Prozent.
Bel der vegetarischen Kategorie
waren die Aktivitäten zu Beginn
der Messkampagne sehr hoch; das
Maximum In der Datenbank hatte
eine Probe des japanischen Blatt
gemüses Kukltachlna aus der Prä
fektur Fukushima. Es lag bei
82000 Bq-kg -1 -sehr hoch Im Ver
gleich zum damaligen Grenzwert
von 500 Bq-kg -1 . Binnen eines Mo
natsfielen die maximalen Werte
um mehr als eine Größenordnung,
und auch danach fielen die Höchst
werte weiter rasch ab - bis dann
etwa Mitte Juli 2011 keine Probe
mehr den Grenzwert überschritt.
Nachrichten: Ab Mitte August stie
gen die maximalen Werte aber wie
der deutlich an. Was war der Grund?
Steinhäuser: Die Pllzsalson hatte
begonnen, und Pilze sind Cäsium
akkumulatoren. Ende Oktober war
dieser Spuk wieder vorüber, Mitte
November wurden jedoch wieder
einige Überschreitungen gemel
det: Das war der Zeitpunkt, als ge
trocknete Pilze und andere ge
trocknete Produkte wie Tee In den
Verkauf kamen.
Nachrichten: Warum Tee?
Steinhäuser: Die Teepflanze hat ei
ne radloökologlsche Besonderheit:
Sie nimmt Cäsium über die alten
Blätter auf und transferiert es In
dlejungen Blätter, die dann geern
tet und zu Tee verarbeitet werden.
Deshalb hat Tee nur Im ersten Jahr
-als das Cäsium direkt auf die
Blätter niedergeregnet Ist - die
Grenzwerte überschritten, danach
nie wieder.
Nachrichten: Wie sah es bei den tie
rischen Produkten aus?
Steinhäuser: Diese zeigen ein an
deres Muster. Es dauert Monate
bis die Tiere relevante Mengen Ra
diocäsium über die Nahrung auf
genommen haben und In die Mus
kelmasse elnbauen. Ab Frühsom
mer 2011 kam es dann aber eben
falls zu Grenzwertüberschreitun
gen. Zu Beginn war es ausschließ
lich Rindfleisch, das Im Juli 2011
einen Peak bei den Radlocäslum-
aktlvltäten mit Grenzwertüber
schreitungen verursachte. Diese
Werte fielen Im August dann rasch
wieder ab.
Ähnlich wie beim Gemüse gab es
aberauch beim Fleisch einen spä
teren zweiten Peak. Ursache wa
ren Wildschweine: Diese ernähren
sich bevorzugt von cäsiumreicher
Nahrung, unter anderem von Pil
zen und Regenwürmern. Auch an
deres Wild Ist davon betroffen:
Rotwild und asiatische Schwarzbä
ren, die In Japan ebenfalls auf dem
Speiseplan stehen. So stiegen ab
September 2011 die Werte wieder
an, und es gab auch Grenzwert
überschreitungen. Diese Periode
dauerte bis In den März 2012.
Nachrichten: Eine solch große
Messkampagne bedarf doch einiger
Logistik, Geräte und Personal. Wie
konnten die Japaner so schnell die
nötigen Kapazitäten schaffen?
Steinhäuser: Das konnten sie gar
nicht, deshalb ging man gestuft
vor. Bis In den Sommer 2011 wur
den fast alle Ressourcen In Fuku
shima selbst eingesetzt, die Mess
kampagne für tierische Produkte
außerhalb der Präfektur Fukushi
ma s begann erst danach. Vermut
lich sind vor Beginn der Messun
gen Produkte, die Radlocäslum-
mengen oberhalb des Grenzwerts
enthielten, auf den Markt gekom
men. Und wahrscheinlich wurden
die auch gegessen.
Nachrichten: Waren die Bemühun
gen Japans, seine Bevölkerung vor
Strahlungsschäden zu schützen,
dennoch erfolgreich?
Steinhäuser: Im Großen und Gan
zen ja. Die zulässige zusätzliche
Jahresdosis von 1 Millislevert
überschritten, wie sich In früheren
Arbeiten anderer Arbeitsgruppen
gezeigt hat, fast ausschließlich
Personen, die Ihre Lebensmittel
selbst Im Garten angebaut oder
Pilze gesammelt haben.
Georg Steinhäuser ist Pro
fessor für Radiochemie an
der Colorado State Univer-
sity. Er ist Absolvent der TU
Wien (Promotion 2005),
wo er bis zu seinem Ruf in
die USA die Radiochemie
am Atominstitut leitete.
Seine Arbeitsgebiete sind
die nukleare Umweltana
lytik und die Entwicklung
nuklear-forensischer Me
thoden. Darüber berichtet
er in diesen Nachrichten
aufS. 563.