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Full text: Das Eis in der Nord- und Ostsee

5.5 Das Eis in der Nord- und Ostsee 
Natalija Schmelzer & Jürgen Holfort 
210 
Das Eis in der Nord- und Ostsee: Die Eisbildung in beiden Meeren ist ein jährlich wiederkehrender Prozess. 
Das Eisvorkommen und die produzierte Eismenge hängen größtenteils von meteorologischen, ozeanographi- 
schen und hydrographischen Bedingungen ab, so vereisen verschiedene Bereiche der Nord- und Ostsee unter 
schiedlich. Die Kenntnis der Eisverhältnisse in der Nord- und Ostsee spielt für die Schifffahrt eine sehr große 
Rolle, diese Tatsache spiegelt sich in Existenz langer Eisbeobachtungsreihen und rekonstruierter Eisdaten wider 
Für ein besseres Verständnis der Eisregime in beiden Meeren und seiner Änderungen werden die Eiswinter 
mit vergleichbaren Merkmalen in 5 Klassen (sehr schwache, schwache, mäßige, starke und sehr starke) zu 
sammengefasst. Es existieren verschiedene Methoden für die Klassifizierung der Eiswinter, aber jede von ih 
nen zeigt Abnahme der starken bis sehr starken Eiswinter seit dem Ende der 1980er Jahre bei gleichzeitiger 
Zunahme der schwachen Eiswinter Ist das ein nicht umkehrbarer oder ein periodischer Prozess? Die Analy 
se der langzeitigen Schwankungen der Eiswinterstärken in der westlichen Ostsee, die rückwirkend bis 1301 
rekonstruiert wurden, kann helfen, die Änderungen des Eisverhaltens, d.h. auch des Klimas, zu verstehen. 
Ice in the North and Baltic Seas: Ice formation in both seas is an annually recurring process. Ice oc 
currence and ice extent depend largely on meteorological, oceanographic, and hydrographic conditions, 
thus coining the typical ice conditions of the different areas of the North and Baltic Seas. The essential im 
portance of ice occurrence to navigation in the North and Baltic Seas is reflected in the long series of recor 
ded and reconstructed ice data. In order to better understand the ice regime in the Seas and its changes in 
the past, the ice winters with similar characteristics are merged in 5 ice winter classes: very weak, weak, 
moderate, strong, and very strong to extremely strong. There are different methods of ice winter classi 
fication, but each of them shows the decrease of strong to extremely strong ice winters since the end of 
the 80s by increase of the weak ice winters at the same time. Here the question arises immediately: Is it a 
unique or periodic process? The study of long-term variations of ice winter severities in the western Baltic 
Sea, reconstructed back to 1301, may help to understand the changes in the ice regime viz, in the climate. 
D ie Nord- und Ostsee sind Nebemneere des At 
lantischen Ozeans. Die Küsten der beiden Meere 
sind seit Ende der letzten Eiszeit mehr oder weniger 
dicht besiedelt, so dass das Eis der Nord- und Ostsee 
im Winterhalbjahr schon lange in großem Maße das 
Leben der Küstenbewohner beeinflusst. Eine besonders 
große Rolle spielt die Kenntnis der Eisverhältnisse in 
den Häfen und Fahrwassern für die Schifffahrt; diese 
Tatsache spiegelt sich in der Existenz langer Eisbeo 
bachtungsreihen rund um die Nord- und Ostsee wider. 
Die Beobachümgsreihen sind über 100 Jahren lang für 
die Küstenstationen (z.B. Sankt Petersburg seit 1706, 
Helsinki seit 1829, Travemünde und Darßer Ort seit 
1879) und für die regulären Beobachümgen außerhalb 
der Küsten (z.B. Kronstadt-Leuchtturm seit 1814, Sör- 
ve-Leuchtturm seit 1865). Zurzeit existieren etwa 500 
Beobachtungspunkte rund um die Ostsee und ca. 115 
an den Küsten der Deutschen Bucht. Die hundertjähri 
gen Reihen aus systematischen Beobachtungen an ei 
ner Vielzahl von Küstenstationen und mehrere hundert 
Jahre zurück reichende indirekte historische Informati 
onen über Eisvorkommen und Schifffahrtsverhältnisse 
geben wertvolle Aufschlüsse über die Veränderlichkeit 
der Eisverhältnisse von Jahr zu Jahr und über eventu 
elle periodische Schwankungen des Eisvorkommens. 
Das Beobachtungsmaterial wird seit dem Ende der 
1970-ger Jahre ergänzt und deutlich verbessert durch 
Informationen, die in den zunehmend zur Verfügung 
stehenden Satellitendaten enthalten sind. 
Die Eisbeobachtungsdaten in beiden Meeren wur 
den bereits zusammenfassend analysiert und in meh 
reren Arbeiten veröffentlicht (Jevrejeva et al. 2002, 
2004, BACC 2008, 2015, Feistel et al. 2008, Schmel 
zer et al. 2012, NOSCCA 2015, Schmelzer & Hol 
fort 2015 u.a.). 
Normale und extreme Eisverhältnisse 
in der Nord- und Ostsee 
Der alljährlich wiederkehrende Vereisungsprozess ist 
eine der charakteristischen Eigenschaften der Nord- 
und Ostsee. Das Vorkommen und die Ausdehnung des 
Meereises sind eng mit den klimatischen Bedingungen 
in den betrachteten Regionen verbunden. Die verschie 
denen Bereiche der Nord- und Ostsee liegen in unter 
schiedlichen klimatischen Zonen: Im nördlichsten Teil 
der Ostsee herrscht das kontinentale Klima vor, der größ 
te Teil der Ostsee liegt in der wanngemäßigten Klimazo 
ne (Peel et al. 2007). So vereisen verschiedene Teile der 
Ostsee, abhängig von der Nord-Siid- oderWest-Ost-Aus- 
streckung, unterschiedlich. Da die Nordsee an drei Sei 
ten vom Land mngeben ist, kann man auch hier nicht 
allgemein von einem reinen Seeklima sprechen; in den 
südlichen und südöstlichen Abschnitten machen sich die 
kontinentalen Einflüsse bemerkbar, Abb. 5.5-1. 
Während in der Bottenwiek, im östlichen Fin 
nischen Meerbusen und im nördlichen Rigaischen 
Meerbusen injedem Winter mit Eis zu rechnen ist, ver 
eisen die übrigen Regionen der Nord- und Ostsee nicht 
regelmäßig. Im Herbst und Winter überwiegen in Mit 
teleuropa Großwetterlagen mit westlichen Winden, die
	        
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