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Sylvin H. Müller-Navarra, Sturmfluten in der Elbe und deren Vorhersage im Wandel der Zeiten
Hamburg - die Elbe und das Wasser sowie weitere wasserhistonschc ic.
■>e Beitrage, Schriften der DWhr' u ,
• iand 13, Siegburg 2009. ISBN 97g-3-8370-2J47-3
mit für die Hoch- und Niedrigwassertermine
der Windstau, berechnet z. B. anhand von
Abb. 2, zum astronomisch bedingten Gezei
tenwasserstand hinzuaddiert werden kann.
Meteorologie
Wie heute war auch früher das Wettervorher
sageproblem ein wesentlich bedeutenderes
Problem als die Wasserstandsvorhersage. Es
bildeten sich unterschiedliche Schulen der
Wettervorhersage heraus, von denen die Nor
wegische Schule (Bjerknes et al. 1933), die
Berliner Schule (Scherhag 1948) und Öster
reichische Schule (Exner 1925, Defant 1926)
zu nennen sind. Als
parallel dazu ver
einzelt an den numeri
schen Methoden der
thermo- und hydrody
namischen Modellie
rung gearbeitet wurde
(Richardson, 1922),
konnte noch nicht de
ren enormes Potential
für Vorhersagezwecke
erkannt werden. Die
damit verbundenen
umfangreichen nume
rischen Berechnungen
mussten noch mit der
Hand oder mecha
nischen Rechenauto
maten ausgeführt wer
den und dauerten ein
fach zu lange.
Um Sturmflutwetterlagen mit der synopti
schen Methode erfolgreich vorherzusagen,
bedarf es großer Erfahrung, gerade auch, weil
die erarbeiteten Regeln (Scherhag 1962), ver
bunden mit der Divergenztheorie (Loewe
1923), nicht leicht anzuwenden sind. Seit
1941 wurden an der Deutschen Seewarte und
später am Seewetteramt täglich Vorhersage
karten auf der Basis synoptischer Wetterkar
ten (Abb. 6) erstellt (Anonymus, 1955). Ein
Ausschnitt dieser Wetterkarten wurde für den
Wasserstandsvorhersagedienst des DHI, spä
ter des BSH, auf eine kleinere Karte durchge
paust und mit einer Vorhersage des dienstha
benden Synoptikers versehen (Abb. 7). Die
Vorhersage bezog sich auf die vom „Wind
stauer“ angegeben Zeiten bzw. Zeiträume.
Das abgebildete Blatt zeigt eine Sturmflutwet
terlage am Silvestemachmittag 1994, und der
diensthabende Synoptiker (Klaus Buhlmann)
sagte für den Folgetag mittags stürmische
Nordwestwinde für die Deutsche Bucht vor
aus, wobei er noch zwischen Ost- und West
teil unterschied. Tatsächlich gab es dann am
Neujahrstag eine Sturmflut in Hamburg und
der Windstau in Cuxhaven betrug 1,82 m (in
Hamburg 2,09 m).
bb. 6: Meteorologe der Deutschen Seewarte beim
bertragen der Stationsmeldungen in die Wetterkar
te (ca. 1930er Jahre, Archiv BSH).
Bis ca. 1996 waren „Butterbrotpapier“
(Abb. 7) und Windstautabelle (Abb. 2) das
Rückgrat der Sturmflutvorhersagen für die
Elbe. Nur zögerlich fanden numerische Mo
delle Eingang in die Wasserstandsvorhersage
(Müller-Navarra, 2003).