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Volltext: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 6 (1878)

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um Schottland vorzuziehen sei — denn nur dieser Theil der Gesammt-Route 
kommt hier eigentlich in Betracht, Zur weiteren Erörterung dieser Frage mag 
hier angeführt werden, dass im verflossenen Spätherbst und Winter verschiedene 
andere Bremer Schiffe die Route nördlich um Schottland wählten und dort sehr 
übele Erfahrungen machten. Der „Melchior“ versuchte sie und musste nach 
40tägiger Reise in beschädigtem Zustande nach einem englischen Hafen zurück- 
flüchten. Ebenso die „Kathinka“, welche in 63° N-Br schwer litt und schliess- 
lich ebenfalls nach wochenlangen Mühen leck in die Nordsee wieder einlief. 
Desgleichen segelte die Bark „Republic“ im Anfange des Februar nördlich um 
Schottland, etwa zu derselben Zeit, wie die „Kathinka“; auch die „Republic“ 
hatte nördlich von 60° N-Br viel schweres Wetter durchzumachen und erreichte 
New- York erst nach beschwerlicher 77tägiger Reise. Ferner befindet sich im 
Besitze der Seewarte das meteorologische Journal des Bremer Schiffes „Charlotte“, 
Kapt. Gutsmuths, welches im letzten Jahre, etwa 14 Tage später als der 
„Humboldt“, von der Elbe aus nach New- York bestimmt, in See ging und durch 
die in der Nordsee angetroffenen Winde dazu bewogen, ebenfalls nördlich um 
Schottland segelte. Vergleichen wir die Reisen dieser Schiffe mit der des 
„Humboldt“, so sehen wir, dass Kapt. Cornelius es nicht viel schlechter traf, 
wie mancher andere Schiffsführer auf der Nordroute. Jener hatte im Anfange 
der Fahrt mehr zu leiden, in den freilich sehr gefährlichen engen Gewässern 
der Nordsee und des Kanals; diese trafen es schlimmer auf dem letzten Theil 
ihrer Reisen, in der Nähe und westlich von den Neufundland-Bänken. 
Am 1. December stand die „Charlotte“ im 59,1° N-Br und 17,6° W-Lg, 
der „Humboldt“ zur selben Zeit in 48,2° N-Br und 8° W-Lg; jenes Schiff war 
16 Tage in See, dieses 27. Die „Charlotte“ folgte von dort aus einer sehr 
nördlichen Route über den Ocean, hatte schweres Wetter auszuhalten und er- 
reichte 46 Tage später, nach einer Reise, deren ganze Dauer 62 Tago betrug, 
den Bestimmungsort. Kapt. Gutsmuths fügt zum Schlusse der Reise die 
Bemerkung hinzu, dass er zur Winterszeit, wenn nur irgend möglich, nicht 
wieder nördlich um Schottland gehen und die nördliche Route wählen würde. 
Dagegen hatte der „Humboldt“ vom 1. December an nach einer, für eine 
Winterreise sehr angenehmen Fahrt von 34 Tagen, den Hafen erreicht. 
Es fallen die so schwierig auszuführenden mühevollen Winterreisen von 
den deutschen Häfen nach Nord-Amerika in jedem einzelnen Jahre so ver- 
schieden aus, dass einzelne Fälle gar nicht maassgebend sein können. Wie für 
keine andere Fahrt, werden erst die Resultate einer sehr grossen Anzahl solcher 
Reisen, wie sie bis jetzt wohl keinem Institute zur Verfügung stehen, über- 
zeugend beweisen können, ob nördlich um Schottland oder durch den Kanal, 
und ob die nördliche Route ganz über den Ocean oder diejenige durch den 
Passat, schnellere Reisen ergeben. 
Am 7. Februar begann der „Humboldt“ von New- York aus seine Heim- 
reise nach Bremen wieder. Auch auf dieser traf das Schiff nur ungünstige 
Witterungsverhältnisse; stürmisches Wetter war vorherrschend und an manchem 
Tage wehten auch Gegenwinde. Am 18, Februar, als der „Humboldi“ sich etwa in 
44° N-Br und 33° W-Lg befand, gerieth das Schiff dort sogar in gefährliche 
Nähe eines von orkanartigen Winden umkreisten barometrischen Minimums, 
Um 2% Morgens an diesem Tage, als kurz vorher noch der Sturm mit Stärke 11 
aus ESE geweht hatte, wurde es ganz plötzlich windstille; dieser Zustand hielt 
ungefähr eine halbe Stunde an, während welcher Zeit die Luft ein überaus 
gefahrdrohendes Aussehen hatte und der Luftdruck auf 739,8mm gefallen war. 
Nach Verlauf dieser Zeit erhob sich ganz leichte Brise aus WSW, welche an- 
hielt, bis gegen Sonnenaufgang der Orkan aus westlicher Richtung mit voller 
Wuth wieder hereinbrach. Dio See lief bergehoch und dabei höchst unregel- 
mässig; alles auf Deck Befindliche wurde zerschlagen und plötzlich, nach einem 
besonders schweren Stoss, fand man, dass auch das Ruder zerbrochen war. 
Mit diesem Unglücksfall, der alle Kräfte der Mannschaft erforderte, um 
das Schiff nur zu sichern, hörte erklärlicherweise die Weiterführung des Journals 
auf. Es glückte, ein Nothruder zu verfertigen und damit den Bestimmungshafen 
zu erreichen.
	        
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