3 Meeresphysik
112
System Nordsee
3.5.2 Oberflächentemperatur (SST)
Einen regional differenzierten Einblick in die monatlichen Abweichungen der Oberflä
chentemperaturen der Nordsee von den klimatologischen Verteilungen des Zeitraums
1971 - 1993 bietet Abb. 3-17, in der als Interpretationshilfe auch die anomalen Kompo
nenten der atmosphärischen Zirkulation angegeben sind (vgl. Abb. 2-11, S. 56).
Die erheblich verstärkte Westzirkulation im Dezember 2004 (NAO-Index 3.3, Loewe
et al. 2006), die bis in die dritte Januardekade andauerte (Tab. 2-1, S. 45; Abb. 2-13,
S.61), führte zur Revitalisierung der im August generierten extremen Warmanomalie.
Die anschließende, erst im März abgeschlossene Renormalisierung der Temperatu
ren (Abb. 3-17) wurde durch komplementäre meteorologische Bedingungen verur
sacht, die sich in der Gleichverteilung der Hauptwetterlagen (Abb. 2-7,5.49), diffusen
Luftdruckfeldern (Abb. 2-10, 5.55) und zunächst neutralem, dann extrem negativem
NAO-Zustand (- 3.7, vgl. Tab. 2-3,5.57) abbildeten. Die großräumig normale Tempera
turverteilung im März äußert sich in dem Umstand, dass die Temperaturen in 84 %
des Seegebiets innerhalb des Interquartilbereichs (± 0.67 g) der lokalen Normalver
teilung lagen oder (näherungsweise) um nicht mehr als ± 0.5 K vom lokalen Langzeit
mittel abwichen.
In der Folgezeit stellten sich nach moderaten Auslenkungen im April (+), Juni (-) und
Juli (+), als die Temperaturabweichungen nur noch zu etwa 50 % innerhalb ± 0.5 K la
gen und ansonsten dieses Intervall über- (+) bzw. unterschritten (-), ähnlich normale
Verhältnisse im Mai (85 %) und August (79 %) wieder ein 1 . Während gewöhnlich ab
Mitte August die saisonale Abkühlung einsetzt, stagnierten die Oberflächentempera
turen aufgrund häufiger Hochdrucklagen (Tab. 2-3,5.57) bis Ende September auf Au
gustniveau, so dass die Abweichungen vom Septembermittel großräumig (78 %) das
90 % Perzentil (1.3 g) der lokalen Verteilung übertrafen. Diese Warmanomalie ver
stärkte sich unter andauerndem Hochdruckeinfluss und Warmluftadvektion aus S,
später SW bis in den November, als die Mittelwerte in knapp 40 % der Nordsee (spe
ziell im SE-lichen Seegebiet) um mehr als 2 K übertroffen wurden (Abb. 3-17). Über
durchschnittliche Abkühlungsraten führten im Dezember zu einer Abschwächung der
Warmanomalie auf ein der Septemberanomalie vergleichbares Intensitätsniveau.
Aus den digitalen Analysen des Oberflächentemperaturfeldes wurde die Zeitserie der
Nordsee-SST abgeleitet (Abb. 3-18), die heute einen Beobachtungszeitraum von 40
Jahren abdeckt. Mit 10.5 °C ist 2005 das elftwärmste Jahr * 2 und war 0.5 K kühler als
die Rekordjahre 2002, 2006 und 2007. Für den Zeitraum März bis August ergab sich
eine mittlere monatliche Abweichung von der Klimatologie (1971 - 1993) von lediglich
0.1 ± 0.3 K. Die auf Jahressicht stärkste negative Abweichung (- 0.3 K) betraf die Ju
nitemperatur (11.7 °C). In der übrigen Zeit (Herbst und Winter gemäß Abb. 3-18) war die
Nordsee erheblich zu warm (1.3 ± 0.3 K). Nicht nur die Wintermonate D & J, sondern
der meteorologische DJF-Winter insgesamt (7.8 °C, 1.0 K, 1.7 g) sind die drittwärms-
ten der Periode 1969-2008. Sowohl die SON- (13.2 °C), als auch die OND-Tempe-
ratur (11.3 °C) lagen mit jeweils 1.5 K und 4.1 g bzw. 3.7 g überden Normalwerten und
7. Aufgrund der im Zeitraum März bis August insgesamt normalen Temperaturverhältnisse wird auf die Dar
stellung meteorologischer Hintergründe verzichtet. Einzelheiten hierzu sind der Diskussion der Temperaturschich
tung (S. 119), der >Wetterlagenstatistik< (S.47) oder dem Abschnitt Lufttemperatur und Strahlung< (S.71) zu
entnehmen.
2. Mittelwert von Dez. bis Nov. entsprechend Abb. 3-18. Für das JD-Jahresmittel von ebenfalls 10.5 °C ergibt
sich Rang 10 bei Rekordtemperaturen von 11.0 °C in 2003 und 2006.