accessibility__skip_menu__jump_to_main

Full text: Sturmfluten in der Elbe und deren Vorhersage im Wandel der Zeiten

Sylvin H. Müller-Navarra, Sturmfluten in der Elbe und deren Vorhersage im Wandel der Zeiten 
79 
Hamburg - die Elbe und das Wasser sowie weitere wasserhistorische Beiträge, Schriften der DWhG, Band 13, Siegburg 2009, ISBN 978-3-8370-2347-3 
Wenn die Anfangs- und Randwerte bekannt 
sind, lassen sich die Bewegungsgleichungen 
der Strömungsmechanik (partielles Dififeren- 
tialgleichungssystem, siehe z. B. bei Kleine, 
1994) analytisch oder bei komplizierter Geo 
metrie des Flussbettes mit numerischen Ver 
fahren zeitlich vorwärts integrieren und damit 
ein zukünftiger Bewegungszustand und die 
Höhe des Wasserstandes an jedem Ort be 
rechnen. 
Damit ist schon klar, dass man im Wandel der 
Zeiten das Problem der Vorhersage von 
Sturmfluten in der Elbe desto besser lösen 
konnte, je schneller Messungen der Anfangs 
und Randwerte verfügbar waren. Damit 
kommt zum mathematischen Problem ein 
technisches hinzu, das der Datenfernübertra 
gung. Seit den 1950er Jahren macht man sich 
noch eine weitere Innovation zunutze, die 
Computertechnologie, welche zur numeri 
schen Integration der Bewegungsgleichungen 
verwendet wird. 
Diese Abhandlung ist hauptsächlich eine his 
torische und auf die Elbe fokussiert. Hinsich 
tlich vertiefender ozeanographischer und hy 
drologischer Aspekte von Sturmfluten wird 
auf die umfängliche Literatur verwiesen. In 
der Literaturliste finden sich auch einige 
naturwissenschaftshistorische Monographien. 
Entstehung und Häufigkeit von Sturmflu 
ten in der Elbe 
Gezeiten 
Die Gezeiten der Ozeane werden durch Mond 
und Sonne angeregt. Diese verursachen auf 
der rotierenden Erde ständig kleine raumzeit 
liche Änderungen der Schwere, so dass die 
Wasservolumelemente der Ozeane zueinander 
in Bewegung gesetzt werden. Nur durch die 
sehr großen Ausdehnungen der ozeanischen 
Wasserkörper geraten diese in wahrnehmbare 
Schwingungen, die Gezeiten genannt werden. 
Auch in größeren Seen treten Gezeiten auf; 
sie sind aber nur durch genaue Messungen 
längerer Dauer feststellbar. Die Gezeiten der 
Nordsee sind überwiegend durch die Gezeiten 
des Nordatlantiks angeregt und nur zu einem 
sehr kleinen Teil auf die unmittelbare Einwir 
kung des Mondes und der Sonne auf den 
Wasserkörper der Nordsee zurückzuführen. 
Hier ist kein Raum für eine ausführliche Be 
schreibung des Gezeitenphänomens. Eine wis 
senschaftlich einwandfreie und allgemeinver 
ständliche Darstellung findet sich in der jün 
geren Literatur nicht. Es muss daher auf eine 
ältere Monographie von Marmer (1926) ver 
wiesen werden. 
Wie die Gezeiten des Nordatlantiks besitzen 
auch die Gezeiten der Nordsee ausgeprägt 
halbtägige Form. Das bedeutet, dass dort 
meist zweimal am Tag Hochwasser und eben 
so oft Niedrigwasser ist. 
Man kann die von Gezeiten verursachten 
Strömungen und Wasserstandsschwankungen 
dynamisch als lange Wellen betrachten. Lange 
Wellen sind solche Wellen, deren Wellenlän 
ge sehr viel größer als die Wassertiefe ist. Die 
Phasengeschwindigkeit, mit der sich diese 
Wellen ausbreiten, lässt sich recht genau mit 
einer einfachen Beziehung berechnen: 
v = Jgh , g ist dabei die Schwerebeschleu 
nigung der Erde (=9,8 lm/s 2 ) und h ist die 
örtliche Wassertiefe. Auch wenn die Gezei 
tenwelle in die Elbe hineinläuft, gilt prinzipi 
ell diese Beziehung für die Geschwindigkeit, 
mit der sich der Wellenkamm elbaufwärts 
bewegt. Die Welle erfährt jedoch eine Ver 
formung. Die Flutdauer verkürzt sich stetig 
und die Ebbdauer verlängert sich entspre 
chend (Abb. 3). Eine anschauliche Erklärung 
hierfür hat z. B. der bekannte Göttinger Strö 
mungsphysiker Ludwig Prandtl (1935) gege 
ben, allerdings betrachtet er die analoge Aus 
breitung eines Schwalles in einem Kanal. 
Bevor die Elbe mit ausreichend bemessenen 
Hochwasserschutzanlagen (Deiche, Sperrwer 
ke, etc.) ausgestattet war, krochen die Gezei 
ten bis in den letzten Winkel der landwirt 
schaftlich genutzten Marschen. Diese was 
serwirtschaftliche Besonderheit ist treffend 
von Finder (1940) in seinem Buch über „Die 
Elbinsel Finkenwärder“ beschrieben worden: 
„Die Felder erstrecken sich in langen recht 
eckigen, durch Wassergräben getrennten
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.