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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 3 (1875)

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schätzt, aber sie hat seitdem und namentlich seit den letzten 50 Jahren un- 
gemein rasch abgenommen. Im Jahre 1823 wurde sie auf 142,100 Seelen ge- 
schätzt und im Jahre 1836 auf 108,580 Seelen. Die erste offizielle Zählung im 
Jahre 1853 ergab 73,134 Seelen, also eine Abnahme von fast 50 pCt. innerhalb 
30 Jahren,*) Bei der Zählung von 1860 ergaben sich nur 67,089, bei der von 
1866 58,765 und 1872 gar nur 49,000 Eingeborene. 'Dagegen hat die Zahl 
der Fremden stetig und rasch zugenommen; im Jahre 1860 betrug sie 2716, 
1866 4194 und 1872 schon 5366 Seelen. Darunter befinden sich 889 Amerika- 
ner, 619 Engländer, 396 Portugiesen, 224 Deutsche und 88 Franzosen; die 
übrigen sind Chinesen. Die Eingeborenen gehören der grossen Völkerfamilie 
der malaiischen Polynesier an. Sie haben eine braune Hautfarbe, starkes, 
schlichtes schwarzes Haar, schlanke und wohlgestaltete Körper, nicht unschöne 
(namentlich bei den Frauen) offene Gesichter mit nur wenig aufgeworfener Nase 
and mässig dicken Lippen. Sie ähneln hierin, sowie in der Elasticität der Bo- 
wegungen, in der Grazie der Erscheinung bei den jüngeren Leuten beiderlei 
Geschlechts den Bewohnern der südlicher gelegenen Samoa-, Tahiti- und Tonga- 
Inseln; auch die Sprachen unterscheiden sich nur durch dialektische Verschieden- 
heiten. Die Lebensweise des Volkes ist eine ziemlich einfache: sie leben fast 
nur von Fischen und sogenanntem Por, d. h. einem Brei aus den Wurzeln des 
Tarroo (Tarum esculentum). Die Männer sind ausgezeichnete Seeleute und wer- 
den häufig auf den Fahrten im Stillen Ocean benutzt. Ihr Charakter ist freund- 
lich und gastfrei, aber mehr indolent, als selbstthätig. Sie besitzen keine eigent- 
lichen Volkssitten mehr; sie sind schon so von der sie physisch und geistig 
äberwältigenden, ja vernichtenden abendländischen Cultur durchdrungen, dass 
alle ihre nationalen Eigenthümlichkeiten in Tracht, in Sitten, in Geräthen und 
in Waffen der Vergangenheit angehören; nur noch in den Hula - hula - Tänzen 
sieht. man einen Rest ihrer früheren nationalen Vergnügungen fortdauern. Die 
Ursache für die rasche Abnahme der eingeborenen Bevölkerung sind in den von 
den Weissen eingeschleppten Seuchen, den Blattern und der Syphilis, zu suchen, 
Die ‚ersteren haben wiederholt in furchtbarer Weise gewüthet und.stets viele 
Tausende der Eingeborenen hinweggerafft. Die Syphilis, schon von den ersten 
Besuchern unter Cook auf die nichtsahnenden Bewohner übertragen, wirkt lang- 
sam; aber um so sicherer tödtlich auf die Ausroftung des ganzen Volkes hin, 
da die Meisten der Eingeborenen schon erblich den Keim der schrecklichen 
Krankheit in sich tragen. Unfruchtbarkeit, Todtgeburten, vor Allem aber der 
Ausbruch einer bösartigen Hautkrankheit mit.tödtlichem Ausgange, der Lepra, 
sind die Folgen gewesen, Vergebens versucht die Regierung jetzt mit Aufbie- 
lung von Anstrengung und Kosten die nachweisbar leprös Erkrankten von den 
noch Gesunden zu isoliren und auf einer besonderen Insel, Molokai, zu pflegen. 
Zur Zeit des Aufenthalts der „Arcona“ befanden sich etwa 800 Erkrankte da- 
selbst, trotzdessen hat die Krankheit aber noch ‘nicht abgenommen und wird 
wohl auch nicht auszurotten sein. 
Der jetzige König .der Hawaii-Inseln, Kalakaua, regiert erst seit dem 
Februar 1874; er wurde von der hawalischen Legislatur zum König gewählt, 
als nach dem im Jahre 1873 erfolgten Aussterben der seit 1779 bestehenden 
Dynastie der Kamehameha’s auch der Nachfolger Lunalina, der aus einer vor- 
nehmen hawaiischen Familie stammte, nach kurzer Regierung kinderlos gestor- 
ben war. Da er ebenfalls kinderlos ist, hat er seinen jüngeren Bruder Lileio- 
hoku zu seinem Nachfolger bestimmt. ; 
Schon im Jahr 1820 kamen die ersten protestantischen Missionare nach 
den Hawaii-Inseln und bald verbreitete sich das Christenthum sehr schnell ‚auf 
diesen Inseln; auch der König Kamehameha II, liess sich mit seiner Gemahlin 
taufen und seitdem sind alle Könige der Inseln Christen. Später kamen auch 
katholische Missionare und es entstanden dadurch häufig innere Unruhen. 
Im Jahre 1840 verlieh der damalige König Kamehameha III. seinem 
Inselreiche eine Verfassung (die legislative Versammlung besteht aus Eingebore- 
nen und Weissen), und kurze Zeit darauf, im Jahre 1843, wurde es durch einen 
völkerrechtlichen Vertrag von den Vereinigten Staaten, Grossbritannien und 
*) Allerdings fiel in.diese Zeit das „Jahr des Todes“ (1848), wo nicht weniger als 10,000 
Menschen an Masern, Keuchhusten und Influenza starben,
	        
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