Scherhag, R.: Ein Grenzfall atmosphär, Steuerung: Die Bodenisobaren steuern ein Höhentief, 37
starker Winde beschränkt sich dabei nach der Höhenwindmessung von Friedrichs-
hafen zuletzt auf die Schicht zwischen 9000 und 12000 m, bis dann am 21. keine
deutlichen Anzeichen eines Höhentiefs mehr zu erkennen sind.
Dieser Fall zeigt, wie das am 18. Oktober 1933 im Bodendruckfeld ver-
schwundene Tief in der Höhe noch zwei Tage weiterlebt, wobei es zuletzt in
der Substratosphäre erlischt. Ein Höhentief ist das letzte Stadium
einer Zyklone, ein Relikt des nahe mit dem Zyklonenzentrum zusammen-
fallenden Kaltluftkörpers.
Für die Anwendung der aerologischen Beobachtungen bei der Wettervorher-
sage ist diese Erkenntnis von größter Wichtigkeit, Denn man könnte zu erheblichen
Fehlvorhersagen verleitet werden, wenn man etwa annähme, ein im Bereich des
Höhentiefs vorhandenes Fallgebiet würde mit der Höhenströmung gesteuert.
Wir sahen, daß das Höhentief ganz im Gegenteil für das Wetter überhaupt
bedeutungslos ist. Es ist nichts anderes als ein schwimmender Kaltluftkörper,
dessen vertikale Mächtigkeit vom Zentrum aus nach allen Seiten hin abnimmt,
ohne Frontcharakter anzunehmen, Die Tatsache, daß dabei weder Abgleit- noch
Aufgleitbewegungen eintreten, nicht einmal in dem näher analysierten Fall
extremster Abkühlung, weist darauf hin, daß dieses Mitführen eines Luftkörpers
eben kein dynamischer Prozeß ist.
Gänzlich anderer Natur sind dagegen die Vorgänge im ersten Entwicklungs-
stadium einer Zyklone. Die Druckverteilung am Boden und in der Höhe ist
dabei schematisch in Fig, 13a (Tafel 12) dargestellt:
Am Boden erscheint zuerst (oberer Teil der Figur) ein engbegrenztes
Depressionszentrum, das bei starken horizontalen Temperaturgegensätzen schon
in geringer Höhe nur noch als leichte Ausbuchtung der Isobaren zutage tritt
(der untere Teil der Figur soll die Druckverteilung in etwa 5000 m skizzenhaft
wiedergeben). In diesem Stadium zieht das Fallgebiet genau mit der
Höhenströmung, und aus der Höhenkarte kann seine Bahn für
24 Stunden mit großer Genauigkeit vorherbestimmt werden. Der
Steuerungsmechanismus ist hierbei ein dynamischer Vorgang. Die Unter-
schiede in der Strömungsgeschwindigkeit in der Höhe bedingen Druckfall im
Divergenzgebiet und Druckanstieg in der nachfolgenden Konvergenzzone, Die
Massenänderung bedingt vertikale Kompensationsströme und damit Auf- und
Abgleitvorgänge.
Mit der weiteren Entwicklung des Tiefs nehmen die Isobaren bis in immer
größere Höhen geschlossene Form an, schließlich wird bei vollendeter Okklusion
der in Fig. 13b angedeutete Zustand erreicht, bei dem angenommen ist, daß
Temperaturgegensätze überhaupt nicht mehr bestehen. Dann ist das Druckfeld
in der Höhe identisch mit der Bodendruckverteilung. Jetzt kann die Höhen-
karte nicht mehr dazu dienen, um die Zugrichtung der isallobarischen
Gebilde zu bestimmen, eine Tatsache, die man bei Anwendung der Höhen-
karten immer beachten muß, und mit der das Ergebnis von W. H. Pick und
D. F. Bowering!t), daß der Zirrenzug nur bei Sekundärdepressionen eine enge
Koppelung zur Fortpflanzungsrichtung des Tiefs zeigt, ebenso übereinstimmt
wie der von E. Palmön’5) bei erfolgender Okklusion festgestellte Umschlag
von antizyklonaler zu zyklonaler Krümmung der Stromlinien im Zirrusniveau.
Im weiteren Verlauf der Lebensgeschichte einer Zyklone tritt jetzt Auf-
füllung ein, die vom Boden ausgeht, wo das Einströmen seinen größten Betrag
erreicht. Infolge der im Zyklonenzentrum anhaltenden aufsteigenden Bewegung
bleibt dieses am kältesten. Schließlich ist der Druckgegensatz am Boden aus-
geglichen, der Kaltluftkörper bleibt übrig, und in der Höhe lebt das Tief noch
einige Tage fort, am längsten in der Substratosphäre (Stadium c). Jetzt wird
umgekehrt das Höhentief vom Boden aus gesteuert.
Zwischen den einzelnen Stadien existieren natürlich sämtliche Übergangsfälle
und für die Steuerung maßgebend ist im allgemeinen die vorherrschende
4) W. H. Pick und D. F. Bowering, Cirrua Movement and the Avance of Depressions,
Quart. Journal of the Royal Met. Soc. 55, 5, 71 (1929). — 12%) E. Palmen, Die Luftbewegung im
Cirrusniveau über Zyklonen. Met. Zeitschr. 48, S, 2831 (1931).