Herrmann: Rückblick auf das Wetter in Deutschland im Jahre 1897.
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stand, die in der Richtung von West nach Ost lang gestreckt waren und deren
Minjmallinie theils Deutschland unmittelbar durchschnitt, theils in gröfserer Nähe
davon vorbeiging. Aber auch selbst dann, wenn in diesen Tagen hoher Lauft-
druck über Deutschland lagerte, fielen daselbst zuweilen ergiebige Niederschläge.
In diesen Fällen lassen sich jedoch ebenfalls flache Depressionen von geringem
Umfang mindestens in den Windverhältnissen erkennen, in denen der absolute
Werth des Luftdruckes noch hoch war und die ostwärts zogen. Es machte sich
so bereits im März die starke Neigung zur Entwickelung aufsteigender Luft-
ströme längs einer Centraleuropa von West nach Ost durchschneidenden Linie
und entsprechender Luftdruckvertheilung bemerkbar, welche das Frühjahr und den
Sommer 1897 besonders charakterisirte. KHine Folge dieser vorherrschenden
Tendenz war das häufige Auftreten heftiger Regenfälle und Gewitterstürme,
welche theilweise die bekannten grofsen Verheerungen hervorriefen (vergleiche
hierüber auch „Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie“, 1897,
Seite 387).
Während der besonders im Westen Deutschlands etwas kälteren, jedoch im
Verhältnifs zur Jahreszeit immer noch milden ersten Märzhälfte gingen die
Niederschläge vielfach in Gestalt von Schnee nieder, so dafs in höheren Lagen
sich zuweilen eine neue, kurz andauernde Schneedecke bildete. Dies kältere
Wetter steht augenscheinlich im Zusammenhang mit der östlichen Luftströmung,
die im März bis etwa zum 16. des Monats vorherrschte. Nach diesem Tage
überwiegen die südwestlichen Winde bei Weitem, und die Temperatur steigt.
Im letzten Drittel des März stellen sich für die Jahreszeit ungewöhnlich
warme Tage ein; das Thermometer übersteigt am Tage vielfach 20°, wenn es
auch nicht ganz die Höhe erreicht, die es etwa in der gleichen Zeit des Vor-
jahres einnahm. Es stellten sich dabei zahlreiche Gewitter ein, doch hatten
diese in der Zeit vom 17. bis 19. März weitverbreiteten Erscheinungen keine
allgemeine oder dauernde Abkühlung zur Folge.
Kälteres Wetter leiteten erst die lebhaften nördlichen Winde ein, welche
am 29. März im Rücken eines tiefen Minimums einsetzten, das über die Nordsee
und Südskandinavien ostwärts zog. Dies kalte Wetter war von fast einem
Monat langer Dauer bis zum 25. April, mit ganz kurzen Unterbrechungen an
dem 14. und 15, sowie dem 17. und 18. dieses Monats. Nachtfröste traten be-
sonders in der ersten Woche des April allgemeiner und stärker auf; an manchen
Orten Süddeutschlands, die im März vollständig von Nachtfrösten verschont ge-
blieben waren, ging nunmehr in diesen Tagen das Thermometer unter den
Gefrierpunkt herab. Vielfach fiel wieder Schnee.
Als am 26. April hoher Luftdruck Ost- und Mitteleuropa überzogen hatte
bei Abnahme der Barometerstände gegen Westen hin, trat über Deutschland
heiteres Wetter ein, nachdem die Niederschläge bereits mit dem 22, April nach-
gelassen hatten. Die ungehinderte‘ Sonnenwirkung erhob denn auch an den
folgenden Tagen schnell die Temperaturen zu gröfserer Höhe, im Binnenlande am
Tage meist über 20°, vielfach auf 25° und darüber.
Die Hoffnungen auf andauernde schöne Frühlingstage sollten sich jedoch
noch nicht erfüllen. Schon am 28. April stellten sich wieder zahlreiche Gewitter
ein, die an den folgenden Tagen sich wiederholten und von ergiebigen Regen-
fällen begleitet waren. Mit dem Anfang des Monat Mai entwickelte sich dann
weiter eine Druckvertheilung, die erfahrungsmäfsig überaus niederschlagsreiches
Wetter für Deutschland zur Folge hat. Bei höherem Luftdruck im Westen und
Osten wurde Mitteleuropa von der norwegischen Küste bis zum Mittelländischen
Meer von einer Depression bedeckt. Die damit über Deutschland einsetzende
nordwestliche Luftströmung brachte dann auch schnelle Abkühlung herbei, und
die ganze erste Hälfte des Mai war ungewöhnlich kühl und regnerisch; zeit- und
stellenweise fiel selbst noch Schnee. Die Abkühlung wurde noch mehr dadurch
verstärkt, dafs zeitweise des Nachts der Himmel abklarte und die nächtliche
Ausstrahlung damit begüustigt wurde, während am Tage neue Bewölkung die
erwärmenden Sonnenstrahlen von der Erdoberfläche fernhielt. So wurde denn viel-
fach Reif gemeldet, und besonders in Süddeutschland traten wieder Nachtfröste
auf. Die kältesten Tage dieses Monats fielen diesmal allgemein pünktlich auf
die der sogenannten KEisheiligen, auf die Tage zwischen 10. und 15. Mai. _