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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 20 (1892)

1902 
Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Dezember 1892, 
Dieser kurze Ueberblick mag genügen, um den Umschwung in dem See- 
verkehr, in der That dem Verkehr auf der Erde überhaupt, von den Zeiten der 
grofsen Entdeckungen bis zum Beginn unseres Jahrhunderts zu beleuchten. Die 
Erweiterung des Blicks, die Ausdehnung des Horizontes, welche die Menschheit 
durch die Entdeckung der Neuen Welt gewann, sind die Vorbedingungen für die 
gewaltigen Veränderungen des Weltverkehrs, wie wir sie hier flüchtig skizzirten, 
gewesen, Blickt man zurück auf das in 400 Jahren Errungene, erwägt man die 
Dürftigkeit der Hülfsmittel, welche damals, ungeachtet der Forschungen des 
Regiomontanus und seiner unvergänglichen Arbeiten, namentlich sofern sich 
dieselben auf Vervollkommnung der Ephemeriden bezogen, unerachtet selbst der 
Arbeiten der Junta de mathematicos in Lissabon, dürftig genannt werden müssen, 
wenn verglichen mit der Vollkommenheit der Navigation am Ende des 19. Jahr- 
hunderts, so wird unsere Bewunderung der grofsen That des Christoph 
Columbus noch erheblich gesteigert. 
Allein noch in einer andern Hinsicht mufs den Reisen des Entdeckers 
der Neuen Welt eine grofse Bedeutung zugemessen werden; wir meinen hier die 
von Columbus gemachten und angeregten Beobachtungen der physikalischen 
Verhältnisse der Erde. Es genügt zum Belege dafür, darauf hinzuweisen, wie 
durch ihn zuerst die Abweichung der Magnetnadel erkannt und am 13. Sep- 
tember 1492 die Lage der agonischen Linie konstatirt worden ist,‘) sowie daran 
zu erinnern, wie die Strömungen des Oceans, die Ausdehnung des Sargasso- 
Meeres, die Kenntnifs der Winde und der Klimate herangezogen worden sind, 
um der Navigirung des weiten Oceans dienlich zu sein. Mit Recht kann man 
daher die moderne physikalische Geographie und die Anwendung derselben auf 
die Navigirung, welche in neuester Zeit im Weltverkehr eine so hohe Bedeutung 
yewonnen hat, auf die Zeiten des Columbus zurückführen. Allerdings ist dieser 
Zweig der nautischen Wissenschaften erst im Laufe unseres Jahrhunderts zur 
vollen Entwickelung gelangt, wenn auch die Seefahrten Dampier’s, Cook’s und 
Anderer schon die ersten Keime davon zeigen. 
Vor nunmehr einem halben Jahrhundert hat man in der Neuen Welt die 
ersten entscheidenden Schritte zur Auswerthung geographisch- physikalischen 
Wissens im Seeverkehr gethan. Durch die Bemühungen und Schriften des 
Direktors des National-Observatoriums zu Washington, des Kommodore M. F. 
Maury (geb. den 14. Januar 1806, gest. den 1. Februar 1873) ist es gelungen, 
für diesen Zweig der angewandten Wissenschaften ein Interesse zu erwecken, 
das von den segensreichsten Wirkungen gefolgt war. Besonders kann dies von 
Maury’s bedeutendstem Werke „The Physical Geography of the Ocean“ gesagt 
werden. 
Der Weltverkehr hat sich im Laufe der Zeit vollkommen verändert: 
Elemente sind bestimmend auf die Entwickelung desselben eingetreten, die auch 
die Kühnsten nicht vorahnen konnten. Wenn der Handel vergangener Jahr- 
hunderte sich mühsam, durch die Kontinente eine Bahn zu erkämpfen hatte, um 
die Völker zu einander in Beziehung zu bringen, so sind es heute die Eisen- 
bahnen und sonst regelmäfsige Verkehrsstraßsen, wo jene noch fehlen, die die 
einstigen Schwierigkeiten auch nicht mehr entfernt dem vollen Umfange nach zu 
würdigen gestatten. Allein uns interessirf besonders der Verkehr zur See und 
der tiefgreifende Einflufs, welcher dessen Aufschwung seit der Entdeckung der 
Neuen Welt genommen hat. Wir glauben in den vorstehenden Ausführungen 
einen flüchtigen Ueberblick der Entwickelung des Verkehrs zur See gegeben und 
durch die Gegenüberstellung der Landverbindung in früheren Zeiten, deren 
Schwierigkeiten und Unvollkommenheiten, die Bedeutung des Verkehrs auf dem 
Ocean beleuchtet zu haben. Betrachtungen dieser Art aber sind wohl geeignet, 
beim Abschlusse einer wichtigen Epoche in der Entwickelung der Kulturgeschichte, 
wie wir ihn jetzt allerorten auf der Erde gefeiert sehen, fruchtbringend zu wirken, 
Niemand vermag vorauszusehen, zu welcher Ausdehnung der Handel und See- 
1) Der berühmte Sarmiento bestritt noch im Jahre 1571 die Richtigkeit der Wahrnehmung 
des Columbus und bezweifelte die Existenz der Variation des Kompasses. (Markham, A life of 
John Davis Seite 145.) Selbst Nonius stellte um 1556 die magnetische Deklination in Abrede 
(W. Felgentraeger Inaug. Diss., 1892, S. 5). 
2) Deutsch von Dr. C. Boettger: „Die physische Geographie des Meeres von M. F. Maury“ 
Ynerst 1858
	        
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