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IX. Bericht über die Thätigkeit der Abtheilung III.
Pflege der Witterungskunde, der Küslen-Meteorologie und des Sturrawarnungswesens
in Deutschland.
Im Laufe des Berichts-Jahres ereignete sich hinsichtlich der Pflege der ausübenden Witterungskunde
in Deutschland Nichts, was nach den Ausführungen im Jahres-Berichte 1880 ein hervorragendes Interesse
beanspruchen könnte. Die Direktion war unablässig bemüht, innerhalb des Deutschen Reiches den Grad
der Einheitlichkeit der Einrichtungen zu erzielen, der ihr zu einer erfolgreichen Pflege dieser jüngsten und
vielleicht schwierigsten aller angewandten Wissenschaften unerlässlich erschien. Abgesehen von den von
reichswegen getroffenen Einrichtungen und davon, was in Bayern, Sachsen, Württemberg und Baden für die
Sache geschah und auch geschehen konnte, ist unerachtet aller Bestrebungen ein entsprechender Erfolg
und Fortschritt auf diesem Gebiete nicht zu verzeichnen. Allenthalben fehlte es noch an jenen Einrich
tungen in den Einzelstaaten Norddeutschlands, welche nach Auffassung der Direktion getroffen werden
mussten, ehe daran gedacht werden konnte, mit einem, den Anstrengungen entsprechenden Erfolge einen,
für das Gebiet des Reiches berechneten Witterungsdienst aufzunehmen. Im Gebiete des Königreiches Preussen
blieb nach wie vor die Reorganisation der Meteorologie unerledigt, unerachtet der zahlreichen Konferenzen,
welche von Seiten der verschiedenen, dabei interessirten Ministerien veranlasst wurden und es an Entwürfen,
Kosten-Anschlägen u. s. w. nicht fehlen liessen. Unzweifelhaft waren es Gründe der allergewichtigsten Natur,
welche die Königliche Regierung veranlassten, in der Sache einen entscheidenden Schritt nicht zu thun.
Auch handelt es sich an dieser Stelle lediglich darum, zu konstatiren, dass wegen der mangelnden Organisa
tion in Preussen ein, zu einem durchschlagenden Erfolge führender Schritt auf dem Gebiete der ausübenden
Witterungskunde nicht geschehen konnte. In Uebereinstimmung mit dem stellvertretenden Vorstande des
meteorologischen Systemes in Preussen willigte die Direktion ein, auch dem Gebiete des Königreiches
Preussen die Vortheile, welche aus den Prognosen (Witterungs-Aussichten), wie sie die Seewarte in ihren
Bulletins (Wetterkarten) seit 1876 veröffentlichte, entspringen konnten, nicht vorzuenthalten und sandte an
eine grosse Anzahl Tagesblätter, Journale und Zeitungen jene Prognosen telegraphisch. In der sicheren
Hoffnung, dass diese Maassnahme nur dazu dienen konnte, dass Interesse und das Verständniss für die Ziele
der ausübenden Witterungskunde zu erhöhen und dass das durch die Uebersendung der Prognosen an die
Zeitungen geschaffene Interimistikum bald durch ein, auf gesunder organisatorischer Grundlage ruhendes
Definitivum ersetzt werden würde, übernahm die Direktion die damit verknüpfte grosse Bürde. Der Erfolg
hat gelehrt, dass zwar die gehegte Hoffnung realisirt und Verständniss und Würdigung im grösseren Publikum
erzielt wurde, mit Rücksicht auf den zweiten Punkt aber nicht in Erfüllung ging. Unter diesen Umständen
war es von ganz besonderem Werthe, dass man in Magdeburg seitens der „Magdeburger Zeitung“, in Köln
seitens der „Kölnischen Zeitung“ und in Frankfurt am Main seitens des Physikalischen Vereines vorging,
um im steten Einklänge mit den Bestrebungen der Deutschen Seewarte, auf privatem Wege die Organe für
die Pflege der ausübenden Witterungskunde zu schaffen und dadurch den, für dieselben bestehenden er
heblichen Missständen thunlichst abzuhelfen.
In den Reichslanden fehlte es nach Ansicht der Deutschen Seewarte an der nöthigen Einheitlichkeit
in den daselbst für die Pflege der Meteorologie bestehenden Einrichtungen; es würde nicht schwer sein,
dafür auch die Belege zu beschaffen. Es mag genügen, anzuführen, dass die Reichslande in den Ver-
öffentlichungen meteorologischer Natur nach dem internationalen Schema nicht vertreten sind. Aber auch
mit Rücksicht auf die Vortheile, welche aus der Pflege der ausübenden Witterungskunde gezogen werden
können, schienen die Reichslande, da dort die erforderlichen Organe dafür fehlten, sehr ungünstig gestellt.
Es erschien dieser Zustand um so weniger wünschenswerth, als die Bevölkerung im Drange, sich unter
allen Umständen die Vortheile, welche aus einer systematischen Pflege der angewandten Meteorologie ge
zogen werden können, zu sichern, die erforderliche Information aus dem benachbarten Frankreich zu erhalten
suchte. Dieses Bestreben war vielfach mit der irrigen Annahme verknüpft, dass man in der Zentralstelle
in Pai’is, sei es aus Gründen günstigerer geographischer Lage, sei es in Folge einer tüchtigeren Organisa
tion weit eher in der Lage sei, treffende Witterungs-Aussichten zu stellen, als in der Deutschen Seewarte